Andreas 28
Am Abend eines unglaublich sonnigen Aprilsonntags saß Andreas missmutig in seiner Küche und zog immer wieder den Beutel seines Fencheltees aus seiner Tasse, um ihn dann wieder zurückplumpsen zu lassen. Nichts lief so, wie er es wollte! Obwohl alle Leute um ihn herum den Frühling zu genießen schienen, war er so einsam wie eh und je. Die Postkarte seiner Cousine hatte ihn wieder daran erinnert: So war es schon vor fast dreißig Jahren gewesen, so würde es immer sein. Die anderen lachten nur über ihn und er trat immer nur auf der Stelle. Heute war er deshalb auch nicht an einen der munteren Seen Berlins gefahren, sondern zur Gedenkstätte Sachsenhausen nach Oranienburg. Das war in seinen Augen angemessener, zumal es der Holocaust- Gedenktag war.
Nun aber saß er müde am Küchentisch, und viel mehr als die Frage nach der Feigheit der Deutschen von damals beschäftigte ihn seine eigene Feigheit. Seine Untätigkeit. Würde er zum Beispiel jemals im Stande sein, jemanden zu töten? Auch der sonntägliche Tatort hatte ihm dabei nicht weitergeholfen: Der Täter ein unglücklicher und überforderter Familienvater. Die Rolle des verdächtigen Sohnes unklar. Die Art und Weise, wie das unbekannte Mädchen letztendlich zu Tode gekommen war, ebenfalls unklar. War er denn nicht mal dazu in der Lage, einen Krimi zu verstehen? Was dachte die kühle Kommissarin Lindholm am Ende über den Fall? Und was dachte Kommissarin Nina über den verkappten Samurai?
Sie ging verzweifelt in ihrem geräumigen Wohnraum auf und ab und es war ihr, als zerreiße sie etwas innerlich. Wie sollte sie sich in Zukunft verhalten? Sie hatte seine Wut gespürt, und auch seine männliche Kraft. Dieser Mensch war eindeutig zu Außerordentlichem imstande. Aber auch zu all diesen schrecklichen Morden, die Berlin seit Wochen erschütterten? Sie würde Rat suchen müssen; die Frage war nur, bei wem. Denn eins war klar: Würden ihre Kollegen herausfinden, was sie getan hatte – sie wäre ihren Job auf der Stelle los.
Auch Andreas ging nun auf und ab, wobei er immer wieder gegen den Küchenstuhl stieß und einmal seine Teetasse umwarf. Plötzlich nahm er das einzige scharfe Messer in die Hand und befühlte seine Spitze mit dem Daumen. Ob er es einfach mal ausprobieren sollte? Vielleicht wäre er dann endlich ein Held, stark und unbezwingbar. Wie ein Indianer der Großstadt.