Tunis 10

Und wieder wage ich mich ins abendliche Getümmel. Tagsüber war das wegen der Hitze unmöglich, ich bin also nur ins Büro gerast, habe dort kühle Stunden verbracht und dann mit dem Taxi wieder zurück zum Hotel – die wenigen Schritte in der Gluthitze reichten mir! Es ist, als ob jemand dir ein heisses Tuch überwirft, dazu ist die Sonne so grell, dass es mir vor den Augen flimmert und ich nur von Schatten zu Schatten huschen kann. Also schläfrige Nachmittagsstunden im Hotel und erst abends raus. Schon die Fahrt mit der Strassenbahn gefällt mir; die Leute sind entspannt und ich sehe, wie schön manche Menschen hier sind. Es ist eine Freude, sie anzusehen. Vor allem die Kinder! Ein Vater hat Sohn und Tochter auf dem Schoss, und sie gehen alle sehr liebevoll miteinander um. Der Vater beugt sich immer wieder über seinen (etwa dreijährigen) Sohn uns stupst ihn mit der Stirn an. Die Tochter, vielleicht sechs, strahlt beide an. Warum sehe ich solche Szenen nie in Deutschland, oder kommt mir das nur so vor?

Wieder entdecke ich neue Wege in der Medina, und wieder erstehe ich wundervolle Dinge, die ich hier leider nicht erwähnen kann, weil es für die Beschenkten sonst keine Überraschung mehr ist … es wird langsam dunkel und die Händler fangen an, ihre Stände abzuräumen; immer noch rufen sie in die Gassen und zeigen ihre Waren, aber die Verkaufslust ist raus; einer zeigt mir fröhlich seine Teppiche und ich entdecke sogar noch die oberen Gemächer, alles hängt voll von hübschen Teppichen und ich bedaure, keine 200 Euro übrig zu haben. Während ich ihm andächtig folge, wird er immer gesprächiger; herzlich, nicht aufdringlich, nicht unangenehm. Er will mir keinen Teppich verkaufen, ihm ist einfach nach Schwätzchen; dass er aus dem Süden kommt, höre ich von ihm. Und dass er immer viel Fisch isst und gesund ist; drei Töchter hat und dreimal am Tag Liebe macht mit seiner Frau. Ich bin beeindruckt und er erzählt mehr davon, wir stehen zwischen Teppichen und plauschen gemütlich; nein, das Leben ist kurz und muss genossen werden, sagt er; wenn er nachHause kommt, gibt es Abendessen; dann werden die Kinder ins Bett gebracht; dann waschen sie sich und finden zueinander, jeden Tag; natürlich nicht, wenn sich einer nicht wohl fühlt; und es ist kein liebloses Rammeln sondern er weiss sehr gut, wo seine Frau empfindsam ist und was ihr gefällt. Es ist richtig interessant! Schliesslich muss ich dann doch weiter, schade aber auch. Sein Kollege unten im Erdgeschoss hört nur, wie ich noch einmal die Teppiche lobe. Wir verabschieden und mit einem Händedruck und verschwörerischem Augenzwinkern; wieder was gelernt.
Vielleicht sollte ich der zweifelnden Leserin noch sagen: Ich habe mich hier zu keiner Zeit in Gefahr oder belästigt gefühlt, wirklich nicht! Die Leute sind offener, als wir kühlen Europäer es gewohnt sind. Vielleicht auch liebevoller miteinander. Ich fühle hier aber nichts von der Neuköllner Aggressivität. Es ist so viel entspannter und freundlicher!
Draussen in den Gassen sind die meisten Läden verschwunden und es ist still geworden und ganz dunkel.  Eine Mutter zieht noch  ihr Kind hinter sich her. Freunde reden noch ein bisschen. Die Wege werden gewischt und die letzten Rolläden zugezogen.

Ich gehe wieder zurück zur Hauptstrasse und ins Sfaxer Couscousrestaurant. Eis und Früchte werden ignoriert. Ich esse ein magenfreundliches Couscous mit Kartoffeln und Karotten, keinerlei Beschwerden anschliessend; gut so.

Gute Nacht, Tunis!

2 Kommentare

  1. kann es sein, dass du jetzt gar keine lust mehr hast auf neukölln und dergleichen…? man könnte es ja direkt verstehen!

  2. Au weia, voll erwischt. Ich bleibe hier!!
    (Ups, nicht weitersagen …;)

Der Beitrag wurde am 20. Juli 2007 um 23:26 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Alltag gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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