Kürzestroman: Gefangen
Sie starrte ihre Fesseln an und wusste in diesem Moment, dass sie die Hoffnung aufgegeben hatte. Von nun an würde sie nicht mehr schreien oder um Hilfe flehen, sondern die Augen schließen und auf das Ende warten.
Die plötzliche Stille verwirrte ihn. All die Tage hatten an seinen Nerven gezehrt und immer wieder hatte er die verdammte Waffe in die Hand genommen und sich die Ruhe vorgestellt, die danach einkehren würde. Aber warum schrie sie jetzt nicht mehr, was war los?
Er blickte hinunter in die Grube.
Ihr fiel ein Lied ein, das vor langer Zeit ihre Großmutter gesungen hatte, so nebenbei beim Kochen oder Aufräumen. Die Melodie, ganz leise gesummt, veränderte ihr dunkles Gefängnis mit einem Schlag.
Er hörte Töne, ganz leise, traurige. Und plötzlich war er müde von all dem. Er wollte das nicht mehr. Schob vorsichtig die Leiter nach unten.
Sie sah in dem Moment die Sprossen, als sie endgültig aufgeben wollte. Zitternd stand sie auf.