Kürzestroman: Eine Ewigkeit

Sie stand wie so oft am Fenster, als sie ihn plötzlich die Straße heraufkommen sah. Er hatte sich kaum verändert, ein wenig schwerfälliger vielleicht. Aber er war es! Wollte er sie wirklich noch einmal besuchen, ihr alles erklären, alles ungeschehen machen? Sie schluckte und merkte, dass der Knoten in ihrem Hals nicht weichen wollte. Es tat weh, immer noch. Was sollte sie denn zu ihm sagen nach all den schweigsamen Tränen?
Einen Tee würde sie ihm anbieten, ja, der brachte Normalität; und sie würden über den Alltag reden, bis sie wieder frei atmen könnte. Und dann würde er sie in ihre Arme nehmen und alles wäre wieder gut. Wieder gut? Wie sollte das gehen? Sie hielt die Luft an. Warum klingelte er denn nicht? Hatte ihn schon wieder die Angst gepackt? Eine Ewigkeit verging und all die Bilder tauchten wieder vor ihrem geistigen Auge auf. Dann sah sie ihn. Er ging wieder die schmale Straße hinunter, doch diesmal war sein Gang der eines alten Menschen.

Sie nahm sich von dem Tee und hielt die warme Tasse mit beiden Händen fest. Nie wieder. Dann lächelte sie erleichtert.

4 Kommentare

  1. Nun mal ganz ehrlich: hast du nicht ein schlechtes Gewissen, wenn du mit 2-3 Kurzromanen all die Schreiber von 2-Tausendern und Mehr aus dem Handgelenk im Regen stehen läßt?

    Ich meine: die sitzen da monatelang, nur von der ums Sterben nicht zugegebenen Sehnsucht nach Platz 1 der Spiegel Bestsellerliste animiert, schreiben sich Finger und Pobacken wund, basteln und feilen und kopieren und schauen, was sie früher mal geschrieben haben, und was gerade gut ankommt, und was weiß ich noch alles – und dann zeigst du, daß das auch in 3 Halbseitern geht? Findest du das fair?

    Wenn wir das vermarkten wollen, müssen wir die anderen auch leben lassen. Das ist live-and-let-live, isn’t it?
    Du kannst sie foppen, okay, das ist immer drin – aber gleich beschämen? Das stellt uns weit draußen in den Regen, und alle machen Ä-Bäh, und keiner gönnt uns was. Wäre das in deinem Sinne? Auch ökonomisch, ökumenisch, olfaktorisch und was weiß ich noch alles.
    Ich habe fertig (deutsch für: fatto)

    Und, im Übrigen, ceteris censeo (ha, wie angeberisch, ich muß schnell schlafen gehen): Ich bin von deinen Kurzromanen ganz unverschämt angetan! Wow!!

  2. Haha! Du bist luschtig, Susanne!
    (Ich muss mich halt ab und an auf diese Weise austoben. Für mehr bin ich schlichtweg zu faul. Aber: Danke!)

  3. Ja, das ist (der|die|das) Crux mit uns Frauen: wir sind alles, wollen es aber dann am Ende doch nicht ernsthaft.
    Kann ich gut verstehen. Ich faule auch so dahin.
    Ciao, cara.

  4. Was solls! Ist doch alles nur Spielerei …
    Kontrastprogramm zum wirklichen Leben?

Der Beitrag wurde am 26. August 2007 um 10:21 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Fiktion gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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