Ur-Instinkte im Großstadtdschungel

Es ist ja nicht so, dass wir alles verlernt hätten, was sich unsere Urahnen einst aneigneten. Nehmen wir zum Beispiel das Lauern im Gebüsch, bis wir uns auf die Beute stürzen können. Beute? Na ja, wir müssen wohl mit der U-Bahn Vorlieb nehmen. Aber die Kampfeslust ist doch wohl dieselbe! Ich verlasse gerade die S-Bahn am Bundesplatz, und schon taucht die grimmige Frage auf: Werde ich unten noch die U-Bahn kriegen? Oder wird sie mir vor der Nase wegfahren, sodass ich in wütendes Kriegsgeschrei ausbrechen muss, weil natürlich von dieser einen U-Bahn alle wichtigen Termine des ganzen Tages abhängen?
Nichts da. Ich sause natürlich im Galopp runter, vorbei an allen Weicheiern, die keine Ahnung haben von solchen existenziellen Nöten, und die deshalb schlapp auf der Rolltreppe stehen. Viele sind das am Morgen sowieso nicht. Und dann kommt die Treppe, hier beginnt der wahre Urwaldtrieb: Wir müssen spüren, ob uns schon der Wind der U-Bahn um die Nase weht. Wenn ja: rennen, rennen! Wenn nein: cooles, gelassenes Runterschlendern. Ich weiß ja, sie kommt noch nicht. Und wenn mir gar Leute von unten entgegenkommen, dann kann ich den Gang sogar verlangsamen und diejenigen mitleidig belächeln, die sich jetzt noch beeilen … zu spät Leute, keine Chance!
Aber es kann ja nicht jede(r) das Anpirschen und Überwältigen des Opfers in seinen Genen haben.

(Ich schreibe lieber von Ur-Instinkten als von Urinstinkten. Das sieht so nach Urin aus.)

4 Kommentare

  1. Nicht nur die Großstadt abverlangt solche Instinkte. Stell dir dieses Szenario vor:

    noch warm verloren in der Unbedingtheit deiner Bettdecke kalkulierst du alle Schritte, ins Bad, zwischen Dusche und Klo und Waschbecken. Den Fall des Eyeliners, das Bücken, er rollte vielleicht tief unter den Schrank. Die Schritte zurück, das Öffnen des Schrankes, das Zaudern, neu Kleiden, dann endlich die Schritte hinab in die Küche, zwischen Herd und Kühlschrank und Bank in der Ecke, die Suche nach der Schere, weil der Kaffee am Ende und das Paket nicht zu öffnen ohne die Hilfe von Stahl, der kurze Moment für die Nachrichten, dann zurück in dein Zimmer, noch etwas vergessen, dann hinaus in den Wagen, er startet sofort? Wieder raus in Kälte, das Eis abgekratzt, von Innen beschlagen, mehr Tasten als Fahren, zum Glück jeder Meter ist dir gut bekannt, jedoch dieser Kombi mitsamt dem Anhänger kriecht wie eine Schnecke über das Land, und dann das Einbiegen, alles eilt auf der Straße, dann runter auf den Parkplatz, womöglich besetzt, 50 Meter hast du zu Plan B, dann hetzt du das Pflaster entlang, den Mantel nicht geschlossen, eiskalt ist der Wind, du rutscht aus oder stolperst, biegst um die Ecke und

    – noch 5 Minuten bis er kommt, der Zug!

    Ha! Das sind 5 Minuten Kälte auf einer zugigen Plattform. Neugierige Blicke, weil du den Rock verkehrt herum trägst und souverän darüber hinwegsehen willst. Deine Tasche war offen, also fiel irgend etwas sehr Persönliches heraus auf den grauen Beton. Du merkst, daß du die falsche Brille trägst. Daß eine Mappe neben deinem Bett liegen geblieben ist. Daß du die dreckige Bluse von vor drei Tagen aus Versehen nochmals angezogen hast. Daß du vergessen hast, den Hund wieder herein zu lassen. Daß eigentlich alle Welt gegen dich ist und wieso du dir das alles antust und ob es helfen würde, jetzt laut zu schreien? Oder zu weinen? Aber du weißt natürlich tief in dir drin die einzige Antwort: Nein!

    Dann kommt der Zug und niemand lächelt zurück auf dein wunderschönes Lächeln. Und du hast nur diesen einen Sitzplatz ergattern können, am Gang und gegenüber einem absolut coolen 16-jährigen mit frisch verheilter Akne unter den Kopfhörern seines MP3-Players, der dir die ganze Zeit auf den falsch angezogenen Rock guckt, bis du am Ende doch rot wirst und ihn heimlich erwürgen möchtest. Die nette Frau, die die Fahrkarten kontrolliert und nach Gefängnis aussieht, kann deine Karte wieder einmal nicht entziffern. Und der Fettwanst neben dir riecht nach einem aufregenden Duft von Hugo Boss, der dich nicht still sitzen läßt. Es war aber nur ein alter Plastikbecher auf deinem Sitz, den du übersehen hattest. Und am Bahnhof beim Aussteigen erwischt dich ein frischer Regenschauer und du hast deinen Schirm vergessen.

    Frau – du packst diesen Lauf! Jeden Tag (von Mo-Fr und außer an gesetzlichen Feiertagen und nicht, wenn du krank sein solltest [Attest liegt bei] oder die Bettdecke dich einfach nicht wieder hergab…).

    Das ist echter Killer-Instinkt!!

  2. Entsetzlich.
    Und vor allem: Was ist aus dem armen Hund geworden?

  3. Das dachte ich mir – jede bedauert nur den Hund. Ich lerne jetzt bellen!!

    P.S. Er lernt gerade, mit der leeren Mütze vor sich auf dem Parkplatz des Supermarktes zu sitzen. Und hat schon 1 3/4 Kilo zugenommen…

  4. Armes Viech … aber das mit dem Bellen würde ich mir gerne anhören!

Der Beitrag wurde am 15. Januar 2009 um 19:02 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Alltag gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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