Vom Terror in den öffentlichen Verkehrsmitteln

Es gibt ja immer noch Menschen, die bekommen beim Anblick eines herrenlosen Koffers oder eines seltsamen, länglichen Pakets unter dem Arm eines Bärtigen gleich Panik. Lächerlich! Der wahre Terror ist längst organisiert, er findet täglich statt und ist erfolgreich!

Die geheimen Schulungszentren für Störenfriede arbeiten vor allem an den Wochenenden und abends, wenn keiner es merkt. Und dann werden die Aktivisten auf die Menschheit losgelassen, am besten Montagmorgen um acht. Eine Gruppe hat sich auf die Verbreitung von Viren spezialisiert. In den Kursen erlernen sie effektives Niesen und Röcheln, das auch den stärksten Gesundmenschen die U-Bahn fluchtartig verlassen lässt. Ganz eifrig senden sie ihr kräfiges Hatschi in die Bahn, um sich dann mit der vollgeniesten Hand an der allgemeinen Haltestange festzuhalten. Klasse!
Eine andere Gruppe ist immer mit Schirmen bewaffnet. Damit kann man hervorragend Fahrgäste auf S-Bahn-Bahnsteigen stolpern lassen. Auf Treppen werden diese Waffen ruckartig nach hinten gestoßen; allein im Jahr 2010 wurden dadurch erfolgreich siebzehn Augen vernichtet und 23 Nasen verunstaltet. Mit nassen Regenschirmen kann man zudem ganz wunderbar Sitzflächen beflecken, Kopien unlesbar machen und einem die Lektüre verleiden.
Die dritte Gruppe besteht aus Experten für intellektuelle Handy-Gespräche. Möglichst laut gebrüllt, erfüllen sie jede Bahn mit geistreichen Wortfetzen, die anderen Fahrgästen das Lesen, Träumen oder Reden unmöglich machen: „Ja, und dann hat mir das Amt auch noch dreihundert Euro abgezogen, und der Scheißkerl bezahlt keinen Unterhalt, und der Kleene hat schon wieder das Bett vollgepinkelt …“ „Nee, warte oben an der U-Bahn, oben, Mensch, biste denn total verblödet, oben sollste warten, hörste mir eigentlich zu …“
Unglückliche Gäste von U- und S-Bahn werfen sich verstehende Blicke zu (schon wieder so ein Irrer), zucken mit den Achseln und starren dann melancholisch aus dem Fenster. Doch die Moral für den Tag wird unterhöhlt, zermürbt, und das ist das Ziel dieses gut organisierten Terrors: Zersetzung. Passt also auf! Und nehmt euch ein gutes Buch zur Ablenkung mit.
Die stärkste Truppe arbeitet übrigens zurzeit von innen, bei der S-Bahn selbst! Zuverlässige Anzeigen, ausreichend Platz in der S-Bahn, Pünktlichkeit? Ha, das war vielleicht einmal! Tausende drängen sich bei Eiseskälte auf schmalen Bahnsteigen, drohen, auf die schneebedeckten Schienen gestoßen zu werden oder nicht mehr in die übervolle Bahn eingelassen zu werden. Wer sich auf Ansagen oder Anzeigen verlässt, ist selber schuld. Und während sich die Berliner Bevölkerung verzweifelt ans Ziel schleppt und schon nicht mehr aufbegehrt, auch bei der Arbeit nicht mehr, währenddessen also reiben sich die fiesen Aktivisten im Hintergrund grinsend die Hände und formulieren munter ihre nächste S-Bahn-Ansage: „Meine Damen und Herren, aufgrund unberechenbarer Wetterverhältnisse wird die S47 Richtung Südkreuz voraussichtlich 35 Minuten Verspätung haben! Wir bitten um Ihr Verständnis!“ Was sie natürlich nicht erhalten. Wer dann übrigens schnell zum nächsten Bäcker huscht, um sich einen Kaffee zu gönnen und sich ein bisschen aufzuwärmen, der wird erleben, dass genau in dem Moment, da er den Bahnsteig verlassen hat, die S-Bahn doch noch kommt und zwei/drei schmale Personen sich hineinpressen können. Der Kaffeetrinker hört dann nur noch aus der Ferne: „Zurückbleiben, bitte!“

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Der Beitrag wurde am 7. Dezember 2010 um 17:41 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Fiktion gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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