Eine Sommergeschichte – Als ich Schönbein auf dem Florian begegnete

(Ausnahmsweise mal bei einer Ausschreibung mitgemacht)

Also eigentlich ist mir das jetzt ein bisschen peinlich. Immer, wenn man mal was Besonderes erlebt, rufen die Leute gleich: Kann nicht sein! So war das nicht! Buh!
Aber ganz ehrlich, diese Geschichte ist mir so passiert, hier in Metzingen, und auch wenn sie ein bisschen schräg ist – das kann schon mal vorkommen im richtigen Leben!
Am 27. August 2016, einem Samstag, da war es so richtig heiß, das wisst ihr bestimmt noch. Das Metzinger Freibad war überfüllt, die Gärten qualmten vom allgemeinen Gegrille und überall rann der Schweiß. Ausgerechnet da musste ich auf die Idee kommen, mal wieder den Florian zu erklimmen! Vielleicht wollte ich ja etwas Entspannung und Ruhe, aber ganz ehrlich, das wäre zu Hause im Wohnzimmer auch gegangen. Also: Stauferweg rauf, an den Obstwiesen vorbei, den Pferden hallo sagen …
Tatsächlich war ich, als ich endlich oben ankam, völlig kaputt und der einzige Mensch weit und breit! Klar, wer tut sich das denn im Hochsommer an? Nach meinem üblichen Rundblick, Jusi da, Achalm dort, Stuttgarter Fernsehturm am Horizont, die Metzinger Friedenskirche weiter vorne, da sank ich also auf die Rundbank unter dem Baum und musste erstmal verschnaufen. Augen zu. Ruhe.
Ich muss ein bisschen eingenickt sein, denn als ich die Augen wieder öffnete, war es dunkler geworden. Und grauer. Sehr seltsam. Der Himmel war nicht mehr blau und das Grüne war nicht mehr grün. Und neben mir saß ein junger Mann. Ziemlich blass, etwas mager, dunkelblonde Haare mit Seitenscheitel, komische Kleidung für das Wetter, aber heutzutage kann man ja alles tragen.
Ich wollte ein bisschen Smalltalk machen und sagte irgendetwas Albernes über das Ozonloch, das heute wohl kein Problem sei bei der Wolkendecke. Der junge Mann wandte sich mir zu, runzelte verwirrt die Stirn und entgegnete: Ozonloch? Was ist denn Ozon?
Na klasse, dachte ich, die Jugend hat aber auch echt keine Ahnung.
Er ging dann nicht weiter darauf ein, sondern fragte mich ganz direkt: Haben Sie auch solchen Hunger? Ich habe Kinder gesehen, die weiden wie Schafe das Gras, und Menschen, die ganz schreckliche Sachen essen …
Na ja, schreckliche Sachen essen schon manche. Aber aus Hunger? Auf dem Weg nach oben hatte ich Unmengen an Äpfeln, Zwetschgen, Mirabellen, Birnen und Brombeeren gesehen – Hunger??? Voller Mitgefühl reichte ich ihm einen Müsliriegel. Er starrte die grüne Plastikverpackung ratlos an.
Vielleicht ein Geflüchteter?
Woher kommst du denn?, fragte ich ihn, während ich ihm den Riegel auspackte und er sich gierig darauf stürzte.
Hier aus Metzingen. Ich bin hier in meinem Elternhaus geboren, Reutlinger Straße 2, meinte er kauend.
Ah, beim Rathaus, gell, meinte ich.
Ich bin in der Nürtinger Straße geboren, im Entbindungsheim!
Das sagte ihm gar nichts.
Na in der Musikschule!
Er sah mich an, als wäre ich völlig übergeschnappt. Wirklich keine Ahnung, der Typ.
Ich blickte wieder über die Landschaft. Irgendetwas fehlte. Eigenartig. Aber wie konnte das sein? Neugreuth war weg. Das Hochhaus war nicht mehr da und keine Friedenskirche in Sicht. Was war da los? Nur die Martinskirche läutete wie immer.
Der Junge schien nichts zu bemerken und erzählte. Er sei schon seit drei Jahren Lehrling in einer pharmazeutischen Fabrik, meinte er, in Böblingen, aber gestern sei sein Heimweh zu groß geworden und er sei einfach nach Hause gelaufen. Sein Vater betreibe eine Färberei hier in Metzingen und habe diese Lehre organisiert. Schrecklich! Jeden Tag von sechs morgens bis sieben abends mit Chemikalien arbeiten, die Holzpantinen seien schon angefressen von dem Zeugs auf dem Boden, durch das er waten müsse …
Ich schüttelte bekümmert den Kopf. Unglaublich, was es heutzutage noch gab. Solche Zustände!
Und immer diese Dunkelheit, keine Sonne Tag und Nacht, und der Hunger – die Leute werden bald alle wahnsinnig!
Er redete weiter. Der ewige Regen, dann Hagel und sogar Schnee im Sommer, Überschwemmungen, die Ernte war völlig zerstört.
Na ja, dachte ich, ich habe ja im Fernsehen etwas von Schlammlawinen, Erdbeben und unglücklichen Menschen gesehen, aber übertreibt er nicht etwas?
In der Schweiz, so hatte er von einem Freund gehört, da hatte eine Engländerin wegen des schrecklichen Wetters ihren Urlaub damit verbracht, eine Geschichte über eine grässliche Kreatur und ihren Schöpfer Frankenstein zu schreiben. Und in Karlsruhe hat ein Mann, weil so viele Pferde wegen der Hungersnot gestorben waren, eine Art Zweirad zur Fortbewegung erfunden …
Jetzt wusste ich, dass er übergeschnappt war! Aber ich wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen, außerdem war es auch interessant, was er so erzählte. Ich fragte ihn vorsichtig ein bisschen aus.
Er sei 16 Jahre alt und interessiere sich für Chemie und Physik, sagte er. Und er sei traurig, weil ein paar seiner Freunde schon ausgewandert waren – einige nach Russland, wo die Ernten nicht so katastrophal waren und Alexander gerufen hatte, einige nach Amerika, wo aber auch Hunger herrschte. Er wollte lieber in Deutschland bleiben.
Nachdenklich nickte ich. Konnte man ja alles gut verstehen. Bloß: Welcher Alexander?
Er fasste langsam Vertrauen und meinte, dass er sich auch für Philosophie interessiere. Man muss die Vorgänge dynamisch betrachten, man muss die Zusammenhänge sehen! Dabei wurde er ganz aufgeregt.
Nun, dachte ich, er mag ja etwas verrückt sein, aber dumm ist der Junge nicht.
Inzwischen näherte sich die Sonne dem Horizont, und Leute, glaubt mir, noch nie habe ich einen so fantastischen Himmel gesehen, rosa, hellblau, Farben wie auf kitschigen Bildern! Das musste ich ihm sagen, und er erzählte gleich von Caspar David Friedrich, der erst vor kurzem einen solchen Himmel festgehalten hatte …
Ja klar, dachte ich.
Und spaßeshalber fragte ich ihn dann: Sag mal, welches Datum haben wir heute?
Na, den 27. August Anno 16, erwiderte er irritiert.
Da konnte ich nicht widersprechen!
1816, ergänzte er da noch, die Leute sagen auch Achtzehnhundertunderfroren!
Ich war sprachlos. Also doch verrückt!
Und wie heißt du? , fragte ich mehr aus Höflichkeit. Verrückte soll man ja möglichst nicht verärgern.
Ich heiße Christian Friedrich Schönbein, antwortete er, aber Sie können gerne Christian zu mir sagen!
Da musste ich dann doch lachen. Schönbein? Wie die Schönbein-Realschule? , fragte ich ihn grinsend.
Er schien das nicht lustig zu finden und erhob sich.
Ich muss noch zurück nach Böblingen, meinte er, hat mich gefreut, ade!
Und weg war er. Ich aber konnte mir keinen Reim daraus machen. Und wieder schloss ich die Augen, nur ganz kurz! Als ich sie wieder öffnete, war der Zauberhimmel weg. Blau und grün und saftig alles um mich herum.
Das habe ich nicht geträumt, ehrlich! Es war Schönbein, der neben mir auf der Bank saß! Ich habe dann noch ein bisschen gegoogelt. Auf den Bildern sah Schönbein im Alter etwas fülliger aus, aber ich konnte ihn erkennen! Bestimmt war er das! Und das Wetter? Ein Vulkan war 1815 in Indonesien ausgebrochen und hatte das Klima der ganzen Welt auf Jahre verändert. Die Getreidepreise stiegen ins Unermessliche. Und was man bekam, war verdorben und die Menschen wurden davon krank.
Als die ersten Ernten wieder eingefahren wurden, gab es ein großes Volksfest in Cannstatt, das seit 1818 alljährlich dort gefeiert wird.
Schönbein ging später seinem Traum nach, studierte und lehrte Chemie und Physik, entdeckte ein Gas, das er Ozon nannte, und erfand noch einiges mehr.
Warum ich aber neben ihm auf dem Florian saß, das habe ich nicht begriffen. Hatte sicher auch mit Chemie oder Physik oder mit der Hitze zu tun …

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Der Beitrag wurde am 16. Januar 2017 um 18:34 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Fiktion gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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