Archiv für die Kategorie 'Alltag'

Hitzefrei

Sonntag, 11. Juli 2010

Selbst die Meerschweinchen liegen mit glasigem Blick schlapp im Heu. Schwimmen gehen? Zu anstrengend. Arbeiten? Muss ich nicht. Es ist Sonntag. Alles kann verschoben werden. Ich zelebriere mein ganz persönliches Hitzefrei und denke: Wenn das jetzt Tunesien wäre, würde man denken: Wow, was für eine Hitze. 36? 37? Und zu Hause müssen sie mit Schirm und Jacke aus dem Haus! Das würde ich in Tunesien denken. Ist aber nicht so. Wir sind zu Hause. Und kein Mensch denkt an Schirm oder Jacke. Stattdessen ist die Badewanne gefüllt mit kaltem Wasser für die zwischenzeitliche Abkühlung.
So.
Jetzt kann ich nicht mehr.

Ich werde mich mit glasigem Blick neben die Meerschweinchen legen.

Reizende Menschen

Freitag, 02. Juli 2010

Ja, manche können einen schon reizen. Da ist dieser junge Mann, der in der S-Bahn drei Sitzplätze mit seinem Fahrrad belegt und sich völlig verständnislos weigert, mir einen davon zu überlassen, obwohl ich ihm sage, dass mir ziemlich übel ist. Übel ist auch die Hitze draußen, die wohl bei allen eine üble Laune verbreitet. Auch übel die drei jungen Frauen, die mit ihren Fahrrädern so in der S-Bahn stehen, dass man nach dem Einsteigen weder in einen Seitengang ausweichen, noch zur gegenüberliegenden Tür gelangen kann. Sie glotzen mich mürrisch an, als ich zwei Stationen später dort raus will. Offensichtlich ist bei einigen 18- bis 25-Jährigen etwas schiefgelaufen. Sie würden einen eher erschlagen als zur Seite rücken. Mein besonderer Liebling heute ist allerdings der alte Mann, der mit einem stinkenden Zigarillo im Mund über den S-Bahnhof torkelt und dann auf den eingefahrenen Zug zustürzt und alle Wartenden, einsteigende wie aussteigende, zur Seite drängt, sodass eine Zeitlang nichts mehr geht.
Es ist heiß in Berlin.

Hundchen

Sonntag, 30. Mai 2010

Sicher, ich mag keine Hundehaufen im Hof. Und auf dem Bürgersteig. Und keine regennassen Müffelhunde in der U-Bahn. Ich will auch nicht angeknurrt werden oder angebettelt, mit hundlichem Fiepen. Aber was wären wir denn ohne sie? Nehmen wir doch nur mal den heutigen Tatort. Durch das plötzlich frauchenlos gewordene Terriertier (keine Ahnung, welche Rasse) kam zu der Spannung noch die richtige Portion Gefühl. Lasst mehr Hunde ins Fernsehen!

Qualm

Donnerstag, 20. Mai 2010

Auch nett sind die Raucher auf dem S-Bahnsteig. Grundsätzlich gilt ja dort kein Rauchverbot, jedenfalls in deren Augen. Sollte eine empfindliche Person jemals eine Kritik wagen, wird sie zusammengestaucht und vom empörten Raucher (sehr oft weiblich, jung und aggressiv) gefragt, wo das denn stehe, wer denn das sage und so weiter. Eine durchgestrichene Zigarette symbolisiert nur den eher nicht erwünschten Status des Rauchens, nicht aber sein Verbot. Wundervoll ist es auch, im Zug zu sitzen und vom Bahnsteig den Rauchmief abzukriegen. Ganz besonders schön ist es aber, wenn der gierige Raucher sich noch direkt vor der Bahn den letzten Zug reinzieht, die brennende Zigarette irgendwohin schleudert und sich dann im Wagen neben mich setzt: Stinkend wie ein alter Kneipenaschenbecher.
Was tut die S-Bahn dagegen? In meinen Augen nichts. Die haben offensichtlich Angst, dass die Leute doch noch auf die Barrikaden gehen, bei all den Verspätungen und Ausfällen. Danke. So muss ich denn erleben, dass mir eine zickige Raucherin ihren Qualm ins Gesicht bläst und sich noch über mein Husten lustig macht. Die S-Bahn-Angestellten gehen vorbei und sagen nichts.

Alk

Sonntag, 25. April 2010

Schön, dass man ihn überall trifft. Vor allem Freitagabend unterwegs in Neukölln. Manche haben dezente Tüten dabei, in denen es auffällig klirrt. Erst zieht der Typ eine Flasche mit rotem Inhalt raus, wenig später spült er es mit Bier runter. Nett auch die Reste der Getränke am Straßenrand. Schwankende Gestalten, junge Leute, die das irgendwie lustig finden. Es stinkt in der U-Bahn nach Gesöff. Viele Flaschen werden ganz offen herumgetragen, sie stoßen miteinander an und tauschen den Tropfen aus. Auf der Straße rasselt einer fast in mich rein. Absicht? Suff? Ich habe jedenfalls die Nase voll davon!

Storniert

Freitag, 16. April 2010

Manchmal müssen wir Menschen uns einfach der höheren Gewalt fügen: Heute geht kein Flug mehr nach Süddeutschland! Tja … dann bleibe ich eben hier.
Und bestaune im Internet schöne Bilder von einem Vulkan in Island.

Abstand halten!

Sonntag, 11. April 2010

Das weiß man ja: Jeder Mensch braucht einen gewissen Abstand zum Nächsten. Das ist abhängig von der Kultur (in anderen Ländern rücken sie einem mehr auf die Pelle) , aber auch von Ort und Zeit. In einer S-Bahn kann ich zu Stoßzeiten grauenhafte Massen ertragen und die wenigen Millimeter zu meinen unzähligen Nachbarn noch mit meinem unsichtbaren Schutzschild ausfüllen. Ist diese S-Bahn zu anderen Zeiten leer, so verteilen sich die routinierten Passagiere automatisch so, dass überall genug Zwischenraum ist. Gut zu erkennen ist das in diesen Fahrradabteilen, in denen sich lange Reihen gegenübersitzen. Typisch dort: Ein Platz besetzt, ein Platz frei, ein Platz belegt mit einer Tasche … nun aber passierte mir Folgendes: Die S-Bahn war so gut wie leer; ich setze mich in mein Eckchen in diesem großen Fahrradabteil, wirklich großräumig. Niemand sonst da – bis auf die Frau mittleren Alters, die nach mir einsteigt und sich direkt neben mich setzt, mit Tuchfühlung. Wie jetzt, warum nicht auf einen der zwanzig freien Plätze? Warum an mich gekuschelt, hä? Panik ergreift mich. So viel unnatürliches Verhalten ist verdächtig. Vielleicht will sie mich ausrauben? Oder sie ist psychisch krank und sucht ein Opfer? Fremd in der Stadt und will mich gleich ansprechen? Ich male mir Fluchtwege aus. Natürlich muss man sich in Berlin immer so bewegen, dass man gelassen und routiniert wirkt. Nur nicht auffallen! Touristen sind peinlich! Also bleibe ich sitzen und starre aus dem gegenüberliegenden Fenster. Dort sehe ich neben mir meine psychopathische Nachbarin. Sie blickt in eine andere Richtung. Warum? Auch ihre Ausstrahlung kommt mir von Minute zu Minute irrsinniger vor. Endlich kommt meine Station und ich kann (sehr sehr gelassen und ruhig) aussteigen. Draußen wische ich mir dann den Angstschweiß ab und das Zittern kann abklingen. Noch einmal davongekommen! Ich lebe!

Wunderlauch

Donnerstag, 08. April 2010

Man muss hier nur aus dem Haus gehen, ein bisschen die Straße runter und dann in den Wald: Schon beginnt der Wohlduft. Im Plänterwald bedecken riesige grüne Teppiche bestehend aus “Berliner Bärlauch”, auch Wunderlauch genannt, den Waldboden und machen Lust aufs Pflücken und Mitnehmen. Und er ist essbar! Gestern: Vom Meisterkoch klein geschnippelt, in Butter gedünstet, mit Zwiebel ergänzt, mit Nudeln, Parmesan und frischem Pfeffer genossen. Klasse!

Der Samstag zwischen Karfreitag und Ostern

Sonntag, 04. April 2010

Wer sich an diesem Tag auf die sowieso belebte Karl-Marx-Straße in Neukölln wagt, muss wissen, worauf er sich einlässt. Alles zwängt und drängt sich, der letzte Schoko-Hase ist längst weg, die Schlangen an den Kassen sind mörderisch und der Salat beim Türken kostet heute 2,45 €.
Das Gute dran: Jetzt weiß ich wieder die liebliche Ruhe der Baumschulenstraße zu schätzen. Außerdem – so ein bisschen Trubel braucht der Mensch, oder nicht? Das ersetzt uns doch den einstigen Überlebenskampf auf untergehenden Schiffen und brennenden Schlachtfeldern. Auch den fehlenden hunnischen Horden muss keiner mehr nachtrauern.