Spurlos

5. Juni 2011 um 15:49 Uhr

Als Zacharias Wuttke durch den frisch gefallenen Schnee zum Briefkasten stapfte und ihm dabei immer mehr von der kalten Masse in die Stiefel sickerte, konnte er sich beim besten Willen den Sommer nicht vorstellen. Hier standen eigentlich die Pfingstrosen. Weg. Hier der Rasen. Nichts. Nur Kälte. Der Wald rauschte. Und Erna? Auch weg. Und er verstand nichts. Ob das an seinen 83 Lebensjahren lag? Mühsam öffnete er den angerosteten Briefkasten und entnahm ihm stirnrunzelnd einen Brief. Was sollte das sein? Er stapfte zurück und ließ sich im Wohnzimmer erst einmal ächzend auf das Sofa fallen, bevor er sich den Brief näher besah. Kein Absender. Neutrales Papier. Nicht zugeklebt. Nicht einmal eine Briefmarke! Er zog einen Blatt Papier heraus und las: “Lieber Zach, mach dir keine Sorgen, ich brauche nur eine kleine Auszeit, bald bin ich wieder da. Deine Erna.” Wie, was, Auszeit? Was sollte das sein? Er war fassungslos. Und verwirrt. Er schlurfte zum Fenster und betrachtete seine Spuren im Schnee, die zum Tor führten. Die einzigen Spuren. Er war allein und wusste nicht, was tun.

Das große Haus lag ganz still. Die Dachschindeln ächzten ein bisschen unter dem ungewohnten Schnee, die Kamin beheizte vor allem die große Wohnküche, aber oben, unter dem Dach, da heizte er noch wenig seine Umgebung. Zacharias Wuttke konnte nicht ahnen, dass davon einer profitierte. Einer, der sich gerade in seinen Schlafsack wickelte und auf seine Stunde wartete, während Wuttke den Telefonhörer in die Hand nahm. Die Polizei? Die würden bestimmt lachen, die Beamten dort. “Auszeit? Mit achtzig? Klasse, die Alte hat’s drauf!” So würden sie ihn auslachen. Er legte den Hörer wieder auf. Dann stutzte er. Etwas war eigenartig gewesen, als er telefonieren wollte. Aber was? Schrecklich. Sein Kopf funktionierte schon eine ganze Weile immer schlechter. Mal war der Schlüssel weg. Mal stand die Haustür sperrangelweit offen, nachdem er vom Einkaufen zurückgekommen war. Und immer war es Erna gewesen, die ihn auf das Problem hinwies und dann den Schaden behob. Wo war sie nun? Wer kümmerte sich jetzt um ihn? Was gab es zum Mittagessen?

Mürrisch ging er in die Küche. Im Kühlschrank musste noch ein Rest von dem Braten von gestern sein, das ginge doch. Zwei Kartoffeln waren wohl auch übrig geblieben … nichts. Leere im Kühlschrank, nur ein lächerliches Marmeladenglas und eine Tube Senf! Was, hatte Erna sich auch noch einen Vorrat mitgenommen? Was war hier los? In Zacharias’ Kopf wuchs wieder die graue Wolke an, er kannte das schon, dann konnte er gar nicht mehr klar denken. Er setzte sich aufs Sofa und begann zu warten.

Unter dem Dach war es recht kalt, trotz Kaminabwärme. Außerdem war nichts mehr von dem Braten übrig. Und er musste sich dringend erleichtern. Was tun? Die Alte hatte sich ihm gestern entrüstet in den Weg gestellt. Selber schuld. Aber jetzt noch ein Hindernis? Lästig. Der Alte schien nicht ganz klar im Kopf zu sein, das war praktisch. Aber was, wenn er doch störte? Wenn er stutzig wurde? Polizei konnte er jetzt ganz und gar nicht gebrauchen. Die suchten ihn ohnehin überall, tja, der Ausbruch hatte gut geklappt! Nein, er würde sich nie lebenslang in die Psychiatrie stecken lassen. Die waren doch irre!

Zacharias Wuttke war ein wenig eingenickt und wachte plötzlich von einem beängstigenden Geräusch auf. Was knurrte denn da? Es war sein Magen, wie er schnell feststellte. Er erhob sich erneut und öffnete nun den Speiseschrank. Irgendetwas musste es doch zu essen geben! Nudeln. Reis. Dosen mit Erbsen und roten Bohnen. Na also. Er setzte heißes Wasser auf und kam sich mit einem Male ganz tatendurstig vor. Seit Jahren zum ersten Mal wieder kochen! Kochen. Wo war nur Erna, verdammt noch mal? Kochen war ihre Aufgabe!

Die Stufen vom Dachboden ins Obergeschoss knackten ein wenig. Aber der Alte war sicher schwerhörig, also was soll’s, dachte der heimliche Gast. Er schlich sich ins Bad und genoss für eine Weile der Erfindung von Toilette und fließendem Wasser. Wenn er entdeckt wurde? Ach, er hatte doch eh nichts mehr zu verlieren! Aber ein Haus zu gewinnen, falls ihn jemand entdeckte. Er grinste sich im Spiegel an. Es sollte nur niemand mehr wagen, sich ihm in den Weg zu stellen. Die Alte war der Beweis dafür.

Wuttke ahnte nichts von der Gefahr, in der er sich befand. Kurz meinte er, die Toilettenspülung zu hören. Aber was, das Wasser kochte inzwischen laut sprudelnd. Er warf die Nudeln in den Topf. Und als es dann noch lauter zischte und rauschte, wusste er plötzlich, was ihn vorher am Telefon irritiert hatte: Kein Rauschen! Kein Summen! Er ging an den Apparat und nahm noch einmal ab. Tot. Dieses Telefon war nicht zu gebrauchen. Und er war abgeschnitten von der Welt! Das Haus lag einsam genug am Waldrand. Internet? Wollten sie nie haben. Das gute alte Telefon war immer die Rettung und Antwort gewesen. Jetzt vermisste Wuttke einen Computer oder ein Handy. Und er vermisste seine Erna! Nein, die hatte keine “Auszeit” genommen, das war ausgeschlossen. Er ging zum Fenster. Schnee, wohin er sah. Kein anderes Haus, kein Lebewesen, kein Mensch weit und breit. Kein Mensch? Wuttke wurde nachdenklich. Keine Spur im Schnee, nur seine eigenen, auch schon undeutlicher. Kein Essen im Kühlschrank. Kein Telefon. Das war nicht normal! Jemand musste ins Haus eingedrungen sein! Und der musste schon eine ganze Weile da sein.

Unter dem Dach saß einer und grübelte. Sollte er den Alten leben lassen? Sollte er unauffällig das Haus verlassen? Nicht bei dem Wetter! Und hier suchte ihn niemand. Hier konnte er sich womöglich wochenlang verstecken. Sehr gut.

Zacharias Wuttke versuchte mit aller Kraft, die Wolken in seinem Kopf zu vertreiben und sich zu konzentrieren. Ihm war nun klar: Es ging um sein Leben. Und das von Erna? War sie womöglich schon tot? Wo konnte sich jemand gut verstecken? Und wo war Erna versteckt? Vor seinem geistigen Auge tauchte der Dachboden auf. Vom Kamin mitgeheizt. Dann sah er den Keller vor sich. Dunkel. Kalt. Im Winter ging monatelang niemand dort hinunter. Das war’s.

Unterm Dach drehte sich der heimliche Gast gerade eine Zigarette und kam, als er das Papierchen ableckte, zu dem Schluss, dass er von nun an Alleinbewohner dieses Hauses sein wollte. Er grinste zufrieden und zündete sich die Zigarette an. Gleich würde er nach unten gehen.

Wuttke ging zur Kellertür. Kurz zögerte er, bevor er den Griff hinunterdrückte. Die Stufen waren wie immer steil, und mit jedem Schritt schien die Temperatur um einen Grad zu sinken. Er fing an zu zittern. Ausgeschlossen, dass hier jemand eine Nacht überstand! Er ging weiter, blickte in den Weinkeller, in den Gemüsekeller, zwischen die Konservenregale. Was war das? Ganz hinten, in einer Kiste, war ein Bündel, das er nicht kannte. Er näherte sich voller Angst, zog ein paar Säcke zurück. Und da lag sie. Seine Erna. Geknebelt und mit schreckgeweiteten Augen blickte sie ihn an. Sie lebte! Mit zitternden Händen befreite Zacharias seine Frau und schloss sie dann in seine Arme. Dann versuchte sie ihre ersten Schritte.

Er drückte die Zigarette am Boden aus und erhob sich. Zeit zu handeln! Er ging die Treppe vom Dachboden hinunter, dann ins Erdgeschoss. Was war das? Die Tür zum Keller stand offen! Er stand auf der obersten Stufe und lauschte. Nichts. Doch dann spürte er einen Stoß von hinten und rasend schnell kamen die restlichen Stufen auf ihn zu, als er fiel und fiel und dann auf dem Kellerboden liegen blieb. Oben standen Erna und Zacharias. “Gut, dass wir uns so beeilt haben, was?”, flüsterte er ihr zu. Dann traten sie zurück und verschlossen die Kellertür gut.

Die Polizei staunte nicht schlecht, als sie vom Handy eines geisteskranken Ausbrechers aus angerufen wurden, um diesen (mit einem Armbruch und ein paar Schürfwunden) abzuholen. Das Rentnerehepaar erholte sich schnell von dem Schock. Und Zacharias Wuttke fing dann sogar an, für seine Frau zu kochen. Manchmal.

So ist’s in Bibabuhlenbach! Ein harmloser kleiner Dorfkrimi aus dem Schwarzwald.

5. Januar 2011 um 18:39 Uhr

Als Martin unter dem Zaun durchkroch, wusste er natürlich, dass das nicht erlaubt war. Aber konnte man immer nur das tun, was erlaubt war? Er schlich leise durch die Hügel, stellte sich vor, wie die Soldaten sich hier angepirscht hatten, wie es geknallt haben musste. Stark! Peng Peng! Der ehemalige Truppenübungsplatz war wirklich der ideale Spielplatz für einen 15-Jährigen. Er ging zum Waldrand, setzte sich an einen Baum, schloss die Augen und ließ den sandigen Boden durch die Hände rieseln. Da fühlte er etwas. Er zog etwas aus dem Boden. Metall, der Abzug griffbereit, Patronen steckten, die Waffe sah aus wie im Film: Mächtig! Das würde sein Leben verändern! Wenn die wüssten! Stolz ging er mit dem verbotenen Fund nach Hause. Peng! Peng! In Bibabuhlenbach.

Die Erste, an der er seine neue Macht testete, war seine kleine Schwester Nina. Wieder einmal wollte sie in sein Zimmer, an seine Sachen. Er musste nur in der Tür stehen und ganz leise sagen: „Die ist echt. Pass in Zukunft lieber auf!“ Und weg war sie. Die Mutter würde ihr das nie glauben. Er lachte leise. Seine Mutter hatte sowieso andere Dinge zu tun: Die neuen Nachbarn beobachten zum Beispiel. Die waren vermutlich schlechte Menschen. Martin hatte schon in der Schule mitgekriegt, dass die Tochter von denen nicht am Religionsunterricht teilnahm. Und das bei ihnen in Bibabuhlenbach! Als diese Leute dann am Sonntag auch noch im Gottesdienst fehlten, war Schluss. Peng Peng in Bibabuhlenbach!

Alle halfen mit, das Dorf sauber zu halten. Eine tote Katze wurde den verdächtigen Nachbarn über den Zaun geworfen. Die stank schon etwas. Kurz darauf brannte ihre Scheune, und als sie die Polizei kam, erzählte Martins Mutter, diese Menschen hätten die Scheune selbst angezündet. Saubere Arbeit! Natürlich glaubte der Polizist der Bibabuhlenbacherin, nicht den Fremden. Auch im Dorfladen verkaufte man ihnen nichts mehr. Sollten die doch sehen, wie sie an Lebensmittel kamen! Martins Mutter war so mit dieser neuartigen Nachbarschaftsarbeit beschäftigt, dass der Junge mehr als sonst sich selbst überlassen blieb. Und er legte sich überall auf die Lauer, die Waffe in der Hand. Peng! Den Fremden wurden währenddessen von irgendwem die Fensterscheiben eingeschmissen. Martin sah zu und befühlte dabei wohlig die Waffe. Die kleine Tochter der Fremden wurde gehänselt und gestoßen. Martin lächelte. Seiner eigenen Schwester aber gab er einen Tritt, als die Eltern es nicht sahen. Und nochmal Peng Peng in Bibabuhlenbach!

Die Zugezogenen, diese Ungläubigen, suchten bald schon einen Käufer für ihr Haus. Die Dörfler nahmen es kopfschüttelnd zur Kenntnis. Wo es doch so schön war im Schwarzwald! Bei der Begrüßung hatten sie die Fremden ja noch begrüßt: “Herzlich willkommen bei uns in Bibabuhlenbach, wo die Welt noch in Ordnung ist!” Martin stand bewaffnet am Fenster seines Zimmers und starrte hinüber zu den Nachbarn, die so anders waren als alle im Ort. Peng! Als seine Mutter ihn rief, legte er seine Waffe schnell in den Kleiderschrank und rannte nach unten. Dort saßen sie wieder, die Guten der Gemeinde, und beratschlagten, was noch zu tun wäre gegen das Schlechte in dieser Welt. Auch im Nachbardorf kenne man Leute, die einen unchristlichen Lebensstil hätten. Auch dort musste etwas getan werden! Heiden waren das doch. Martin musste schnell zum Laden laufen und noch Bier holen, damit ließ sich besser diskutieren.

Ein Schuss hallte durch die dörfliche Ruhe, gerade als Martin wieder auf dem Heimweg war. Peng? Alle strömten sie nun zusammen, um die Fremde anzustarren, wie sie in ihrem eigenen Blut lag, direkt vor ihrem Haus. Man hielt die kleine Nina fest, die noch die Waffe an sich drückte. Sie alle schwiegen betreten, als sie ihr das mörderische Ding aus der Hand nahmen und das verwirrte Kind dann wegführten. Die Mutter aber presste sich die Hände vor den Mund, um nicht laut loszuschreien. Nichts war in Ordnung in Bibabuhlenbach! Peng.

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Vom Terror in den öffentlichen Verkehrsmitteln

7. Dezember 2010 um 17:41 Uhr

Es gibt ja immer noch Menschen, die bekommen beim Anblick eines herrenlosen Koffers oder eines seltsamen, länglichen Pakets unter dem Arm eines Bärtigen gleich Panik. Lächerlich! Der wahre Terror ist längst organisiert, er findet täglich statt und ist erfolgreich!

Die geheimen Schulungszentren für Störenfriede arbeiten vor allem an den Wochenenden und abends, wenn keiner es merkt. Und dann werden die Aktivisten auf die Menschheit losgelassen, am besten Montagmorgen um acht. Eine Gruppe hat sich auf die Verbreitung von Viren spezialisiert. In den Kursen erlernen sie effektives Niesen und Röcheln, das auch den stärksten Gesundmenschen die U-Bahn fluchtartig verlassen lässt. Ganz eifrig senden sie ihr kräfiges Hatschi in die Bahn, um sich dann mit der vollgeniesten Hand an der allgemeinen Haltestange festzuhalten. Klasse!
Eine andere Gruppe ist immer mit Schirmen bewaffnet. Damit kann man hervorragend Fahrgäste auf S-Bahn-Bahnsteigen stolpern lassen. Auf Treppen werden diese Waffen ruckartig nach hinten gestoßen; allein im Jahr 2010 wurden dadurch erfolgreich siebzehn Augen vernichtet und 23 Nasen verunstaltet. Mit nassen Regenschirmen kann man zudem ganz wunderbar Sitzflächen beflecken, Kopien unlesbar machen und einem die Lektüre verleiden.
Die dritte Gruppe besteht aus Experten für intellektuelle Handy-Gespräche. Möglichst laut gebrüllt, erfüllen sie jede Bahn mit geistreichen Wortfetzen, die anderen Fahrgästen das Lesen, Träumen oder Reden unmöglich machen: “Ja, und dann hat mir das Amt auch noch dreihundert Euro abgezogen, und der Scheißkerl bezahlt keinen Unterhalt, und der Kleene hat schon wieder das Bett vollgepinkelt …” “Nee, warte oben an der U-Bahn, oben, Mensch, biste denn total verblödet, oben sollste warten, hörste mir eigentlich zu …”
Unglückliche Gäste von U- und S-Bahn werfen sich verstehende Blicke zu (schon wieder so ein Irrer), zucken mit den Achseln und starren dann melancholisch aus dem Fenster. Doch die Moral für den Tag wird unterhöhlt, zermürbt, und das ist das Ziel dieses gut organisierten Terrors: Zersetzung. Passt also auf! Und nehmt euch ein gutes Buch zur Ablenkung mit.
Die stärkste Truppe arbeitet übrigens zurzeit von innen, bei der S-Bahn selbst! Zuverlässige Anzeigen, ausreichend Platz in der S-Bahn, Pünktlichkeit? Ha, das war vielleicht einmal! Tausende drängen sich bei Eiseskälte auf schmalen Bahnsteigen, drohen, auf die schneebedeckten Schienen gestoßen zu werden oder nicht mehr in die übervolle Bahn eingelassen zu werden. Wer sich auf Ansagen oder Anzeigen verlässt, ist selber schuld. Und während sich die Berliner Bevölkerung verzweifelt ans Ziel schleppt und schon nicht mehr aufbegehrt, auch bei der Arbeit nicht mehr, währenddessen also reiben sich die fiesen Aktivisten im Hintergrund grinsend die Hände und formulieren munter ihre nächste S-Bahn-Ansage: “Meine Damen und Herren, aufgrund unberechenbarer Wetterverhältnisse wird die S47 Richtung Südkreuz voraussichtlich 35 Minuten Verspätung haben! Wir bitten um Ihr Verständnis!” Was sie natürlich nicht erhalten. Wer dann übrigens schnell zum nächsten Bäcker huscht, um sich einen Kaffee zu gönnen und sich ein bisschen aufzuwärmen, der wird erleben, dass genau in dem Moment, da er den Bahnsteig verlassen hat, die S-Bahn doch noch kommt und zwei/drei schmale Personen sich hineinpressen können. Der Kaffeetrinker hört dann nur noch aus der Ferne: “Zurückbleiben, bitte!”

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Gedanken zur Matthäus-Passion

21. März 2010 um 14:51 Uhr

Es ist schon schöne Musik, keine Frage. Gestern im Konzerthaus konnte sie mich wirklich berauschen. Wunderbare Solisten, tolles Orchester, ein eifriger Chor (mit mir;) und ein andächtiges Publikum … aber mal ehrlich: Muss das wirklich so lang sein? Könnte man nicht, ohne Bach zu nahe zu treten, diese ewig langen Passagen, bei denen man sowieso kein Wort versteht, rausschmeißen und nur die fetzigen Teile drinlassen, gestutzt auf sagen wir mal erträgliche 80 Minuten? Das würde dann in etwa so aussehen:

Chor: Kommt helft mir klagen!

Evangelist (=Erzähler): Bald ist Ostern und Jesus wird gekreuzigt!

Chor: Herzliebster, was hast du verbrochen?

Stücke aus den Rezitativen: Buß und Reu, knirscht das Sündenherz entwei …

Jesus (mit Heiligenschein in Form von Geigen): Einer unter euch wird mich verraten!

Chor: Herr! Bin ichs? Bin ichs???

Erzähler: Und die Hohenpriester und Ältesten legten die Hände an Jesum und ergriffen ihn.

Chor: Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden!

Pilatus: Was soll ich denn machen mit Jesu?

Volk: Lass ihn kreuzigen!

Seelenschmerz – Jammer – Martersäule – Tränen – Wunden bluten …

Erzähler: Da speieten sie aus in sein Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten …

… dreißig Silberlinge … und erhängete sich selbst …

Volk: Lass ihn kreuzigen!!!

O Geißelung, o Schläg, o Wunden!

Jesus: Eli, Eli, lama asabthani?
Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Erzähler: … und verschied.

Chor: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn!

Chor: Wir setzen uns mit Tränen nieder und rufen dir im Grabe zu:
Ruhe sanfte, sanfte ruh!

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Winzlingskrimi

27. Oktober 2009 um 17:08 Uhr

Seine Hand zitterte, als er die Waffe auf den Mann richtete. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren! Alles hing von den nächsten Sekunden ab, alles. Ob Gundi zu ihm zurückkehrte. Ob er die Wohnung behalten konnte. Und ob er einfach genug Geld hätte, um weiterzuleben!
Er drückte ab.

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Ganz kleines Liebesdrama

um 16:59 Uhr

Sie starrte auf die Tasten ihres Mobeltelefons, bis die Augen zu tränen anfingen. Er antwortete nicht. Wieder nicht. Keine Reaktion, nur böses, kaltes Schweigen. Sie hatte es geahnt! Sicher saß er schon mit dieser oberdämlichen Sandy im Eiscafé. Sicher hielten die beiden Händchen, während sie hier fast starb vor Sehnsucht. Er hatte sie ja gar nicht verdient! Ja, sie würde Schluss machen, ihr Entschluss stand fest, sie würde es ihm so richtig fett reinwürgen. Er sollte genauso leiden wie sie!
“Ja, hallo? Bist du’s, Kleine?” Es machte ein kleines “Pling” in ihrem Herzen. “Hey du, ich hatte solche Angst, du könntest …” – “Na hör mal. Ich hab gerade Prüfung gehabt! Sehen wir uns nachher?” Sie schmolz dahin. Alle bösen Gedanken waren vergessen. Oh ja, er war ihre große Liebe, und nichts würde sie auseinanderbringen!

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Klein, aber fein

um 16:50 Uhr

Man könnte eine Mini-Liebesgeschichte erfinden, den Winzlingskrimi, das Tropfen-Drama: Klein muss es sein, und alle Merkmale seiner großen Kollegen haben. Nur aber so klein, dass man das Werk mal eben in der U-Bahn vom Handy ablesen kann.
Und wenn mir dann jeder Leser einen Euro pro Drama zahlen würde, was wär das fein!

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Essensausgabe

17. Mai 2009 um 21:56 Uhr

An sich war die Arbeit gar nicht so schlecht: Kartoffen schälen, Töpfe putzen und Punkt zwölf vorne am Tresen stehen und das Essen ausgeben. An sich. Die Küche war sauber und auch die Lebensmittel stanken nicht, das musste sie schon zugeben. Gut, einen Euro für eine Stunde war nicht viel, aber doch eine Aufstockung ihrer Bezüge, da wollte sie sich nicht beschweren. Das Problem war diese Frau. Hubner hieß sie, und ihre Augen waren überall.
Am Anfang hatte sie das gar nicht gemerkt. Küchenhilfe, das sollte sie sein, nichts weiter. Nur die Regeln waren ihr etwas komisch vorgekommen: “Soße und Fleisch sind stets über Kartoffeln oder Reis zu geben”. Komische Sache, aber na bitte, es gibt schlimmere Regeln, oder? Munter hatte sie immer alles über die Beilagen gekippt, es sah aus wie ein brauner Vulkan, und freundlich hatte sie den Leuten einen guten Appetit gewünscht. Auch wenn sie sie nicht verstanden – der Wille zählte doch, oder? Und Hunger hatten die offensichtlich, so wie die auf der anderen Seite ihres Tresen standen und sie anstarrten. Jeden Tag dasselbe. Zack, Patsch, rüberreich. Bis sie seine Augen gesehen hatte. Er nahm den Teller, blickte darauf und sah sie nur an. Verzweifelt? Aber warum?
Sie fing an ihn zu beobachten. Er setzte sich mit seinem Essen immer an denselben Platz, nahm seine Gabel und stocherte in den wenigen unbedeckten Zonen herum. Was sollte das, war man in seinem Land so anspruchsvoll? Immerhin bekam er hier doch Asyl, da sollte er sich doch etwas dankbarer zeigen. Sie wurde wütend, wollte noch eindeutiger die Soße verteilen. Doch gerade, als sie am nächsten Tag die große Schöpfkelle hob, sah sie seinen flehentlichen Blick und ein fast unmerkliches Kopfschütteln. Keine Soße? Da hörte sie hinter sich schon die scharfe Stimme der Hubner. “Nun machen Sie schon, das dauert ja ewig, die warten doch!”
Sie kippte die dicke Soße mit ihren Stücken über die Nudeln und wandte sich dem nächsten zu. Und doch musste sie ihn später beobachten, wie er fast nichts zu sich nahm. Mager, wie der war, warum aß er denn nicht? Sein hageres Gesicht war nicht schön, die schwarzen Augen so fremd für sie.
Am nächsten Tag gab es wieder eine Versammlung: “Und nicht vergessen, Fleisch und Beilage gehören zusammen! Es geht hier schließlich um Integration; wir sind in Deutschland, hier wird gutes Schweinefleisch gegessen!”
Am nächsten Tag fing sie damit an. Sie schob den Reis und das Gemüse auf die eine Seite. Aus Erbsen baute sie einen kleinen Wall in der Mitte; schnell musste es gehen und auffallen durfte es nicht. Aber sie schaffte es: Jenseits des Erbsenwalls war der braune See mit seinen kleinen Schweineinseln. Unerreichbar. Sie reichte ihm seinen Teller und sah, wie seine Augen aufleuchteten.
Zum ersten Mal aß er sich satt in Deutschland.

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Eine Liebesgeschichte in Hokkaido

9. Dezember 2008 um 19:40 Uhr

Vielleicht möchte sich ja irgendjemand in eine andere Welt versetzen lassen. Hokkaido, im Norden Japans. Eine Frau versucht sich und ihren kleinen Sohn auf ihrem Bauernhof durchzubringen, als ein fremder Arbeiter kommt und ihr Leben verändert. Reinschnuppern? Bei You Tube.

Mein Lieblingsschauspieler Ken Takakura ist der einsame Held.
Wie immer.

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