Archiv für die Kategorie 'Fiktion'

Gedanken zur Matthäus-Passion

Sonntag, 21. März 2010

Es ist schon schöne Musik, keine Frage. Gestern im Konzerthaus konnte sie mich wirklich berauschen. Wunderbare Solisten, tolles Orchester, ein eifriger Chor (mit mir;) und ein andächtiges Publikum … aber mal ehrlich: Muss das wirklich so lang sein? Könnte man nicht, ohne Bach zu nahe zu treten, diese ewig langen Passagen, bei denen man sowieso kein Wort versteht, rausschmeißen und nur die fetzigen Teile drinlassen, gestutzt auf sagen wir mal erträgliche 80 Minuten? Das würde dann in etwa so aussehen:

Chor: Kommt helft mir klagen!

Evangelist (=Erzähler): Bald ist Ostern und Jesus wird gekreuzigt!

Chor: Herzliebster, was hast du verbrochen?

Stücke aus den Rezitativen: Buß und Reu, knirscht das Sündenherz entwei …

Jesus (mit Heiligenschein in Form von Geigen): Einer unter euch wird mich verraten!

Chor: Herr! Bin ichs? Bin ichs???

Erzähler: Und die Hohenpriester und Ältesten legten die Hände an Jesum und ergriffen ihn.

Chor: Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden!

Pilatus: Was soll ich denn machen mit Jesu?

Volk: Lass ihn kreuzigen!

Seelenschmerz – Jammer – Martersäule – Tränen – Wunden bluten …

Erzähler: Da speieten sie aus in sein Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten …

… dreißig Silberlinge … und erhängete sich selbst …

Volk: Lass ihn kreuzigen!!!

O Geißelung, o Schläg, o Wunden!

Jesus: Eli, Eli, lama asabthani?
Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Erzähler: … und verschied.

Chor: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn!

Chor: Wir setzen uns mit Tränen nieder und rufen dir im Grabe zu:
Ruhe sanfte, sanfte ruh!

Winzlingskrimi

Dienstag, 27. Oktober 2009

Seine Hand zitterte, als er die Waffe auf den Mann richtete. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren! Alles hing von den nächsten Sekunden ab, alles. Ob Gundi zu ihm zurückkehrte. Ob er die Wohnung behalten konnte. Und ob er einfach genug Geld hätte, um weiterzuleben!
Er drückte ab.

Ganz kleines Liebesdrama

Dienstag, 27. Oktober 2009

Sie starrte auf die Tasten ihres Mobeltelefons, bis die Augen zu tränen anfingen. Er antwortete nicht. Wieder nicht. Keine Reaktion, nur böses, kaltes Schweigen. Sie hatte es geahnt! Sicher saß er schon mit dieser oberdämlichen Sandy im Eiscafé. Sicher hielten die beiden Händchen, während sie hier fast starb vor Sehnsucht. Er hatte sie ja gar nicht verdient! Ja, sie würde Schluss machen, ihr Entschluss stand fest, sie würde es ihm so richtig fett reinwürgen. Er sollte genauso leiden wie sie!
“Ja, hallo? Bist du’s, Kleine?” Es machte ein kleines “Pling” in ihrem Herzen. “Hey du, ich hatte solche Angst, du könntest …” – “Na hör mal. Ich hab gerade Prüfung gehabt! Sehen wir uns nachher?” Sie schmolz dahin. Alle bösen Gedanken waren vergessen. Oh ja, er war ihre große Liebe, und nichts würde sie auseinanderbringen!

Klein, aber fein

Dienstag, 27. Oktober 2009

Man könnte eine Mini-Liebesgeschichte erfinden, den Winzlingskrimi, das Tropfen-Drama: Klein muss es sein, und alle Merkmale seiner großen Kollegen haben. Nur aber so klein, dass man das Werk mal eben in der U-Bahn vom Handy ablesen kann.
Und wenn mir dann jeder Leser einen Euro pro Drama zahlen würde, was wär das fein!

Essensausgabe

Sonntag, 17. Mai 2009

An sich war die Arbeit gar nicht so schlecht: Kartoffen schälen, Töpfe putzen und Punkt zwölf vorne am Tresen stehen und das Essen ausgeben. An sich. Die Küche war sauber und auch die Lebensmittel stanken nicht, das musste sie schon zugeben. Gut, einen Euro für eine Stunde war nicht viel, aber doch eine Aufstockung ihrer Bezüge, da wollte sie sich nicht beschweren. Das Problem war diese Frau. Hubner hieß sie, und ihre Augen waren überall.
Am Anfang hatte sie das gar nicht gemerkt. Küchenhilfe, das sollte sie sein, nichts weiter. Nur die Regeln waren ihr etwas komisch vorgekommen: “Soße und Fleisch sind stets über Kartoffeln oder Reis zu geben”. Komische Sache, aber na bitte, es gibt schlimmere Regeln, oder? Munter hatte sie immer alles über die Beilagen gekippt, es sah aus wie ein brauner Vulkan, und freundlich hatte sie den Leuten einen guten Appetit gewünscht. Auch wenn sie sie nicht verstanden – der Wille zählte doch, oder? Und Hunger hatten die offensichtlich, so wie die auf der anderen Seite ihres Tresen standen und sie anstarrten. Jeden Tag dasselbe. Zack, Patsch, rüberreich. Bis sie seine Augen gesehen hatte. Er nahm den Teller, blickte darauf und sah sie nur an. Verzweifelt? Aber warum?
Sie fing an ihn zu beobachten. Er setzte sich mit seinem Essen immer an denselben Platz, nahm seine Gabel und stocherte in den wenigen unbedeckten Zonen herum. Was sollte das, war man in seinem Land so anspruchsvoll? Immerhin bekam er hier doch Asyl, da sollte er sich doch etwas dankbarer zeigen. Sie wurde wütend, wollte noch eindeutiger die Soße verteilen. Doch gerade, als sie am nächsten Tag die große Schöpfkelle hob, sah sie seinen flehentlichen Blick und ein fast unmerkliches Kopfschütteln. Keine Soße? Da hörte sie hinter sich schon die scharfe Stimme der Hubner. “Nun machen Sie schon, das dauert ja ewig, die warten doch!”
Sie kippte die dicke Soße mit ihren Stücken über die Nudeln und wandte sich dem nächsten zu. Und doch musste sie ihn später beobachten, wie er fast nichts zu sich nahm. Mager, wie der war, warum aß er denn nicht? Sein hageres Gesicht war nicht schön, die schwarzen Augen so fremd für sie.
Am nächsten Tag gab es wieder eine Versammlung: “Und nicht vergessen, Fleisch und Beilage gehören zusammen! Es geht hier schließlich um Integration; wir sind in Deutschland, hier wird gutes Schweinefleisch gegessen!”
Am nächsten Tag fing sie damit an. Sie schob den Reis und das Gemüse auf die eine Seite. Aus Erbsen baute sie einen kleinen Wall in der Mitte; schnell musste es gehen und auffallen durfte es nicht. Aber sie schaffte es: Jenseits des Erbsenwalls war der braune See mit seinen kleinen Schweineinseln. Unerreichbar. Sie reichte ihm seinen Teller und sah, wie seine Augen aufleuchteten.
Zum ersten Mal aß er sich satt in Deutschland.

Eine Liebesgeschichte in Hokkaido

Dienstag, 09. Dezember 2008

Vielleicht möchte sich ja irgendjemand in eine andere Welt versetzen lassen. Hokkaido, im Norden Japans. Eine Frau versucht sich und ihren kleinen Sohn auf ihrem Bauernhof durchzubringen, als ein fremder Arbeiter kommt und ihr Leben verändert. Reinschnuppern? Bei You Tube.

Mein Lieblingsschauspieler Ken Takakura ist der einsame Held.
Wie immer.

Wir sind wieder (mal) wer!

Samstag, 28. Juni 2008

… und darum können wir uns stark fühlen, ja so stark. Und darum können wir aufs Gas drücken, oh wie schön, wenn wir einen Fußgänger sehen, und schneller fahren, und noch schneller. Vielleicht erwischen wir ihn ja noch, den Schwächling, der keine Fähnchen trägt und frech über unsere Straße geht.
Wir aber sind die Guten und die Starken und die Meister in Deutschland.

Das Böse. Es lauert auch vor deiner Tür!

Freitag, 30. Mai 2008

Nehmen wir zum Beispiel Herrn M.. Im Alltag ist er ein recht vernünftiger Mensch, hält auch mal einer alten Dame die Kaufhaustür auf und greift manchmal zur Biomilch. Steigt er aber in sein Gefährt, so mutiert er augenblicklich. Der Anblick einer Fußgängerin mit Kind am Straßenrand veranlasst ihn an regnerischen Tagen, mal so richtig mit Schmackes durch die Pfütze zu fahren und denen zu zeigen, was ein Auto so alles kann! Während Mutter und Kind den Rest des Weges damit beschäftigt sind, sich fluchend den Dreck aus Augen, Mund und Ohren zu wischen und sich zu Hause erst einmal komplett duschen und umziehen müssen, geht er wohlig seinen Gedanken über Macht und Ohnmacht im deutschen Straßenalltag nach.
Auch die Tempo-30-Zone liefert ihm immer wieder Glücksgefühle: Gerade bei Pflasterstein kann man so richtig donnernd durch die Wohngegend brettern, man ist ja kein Weichei. Und den Fußgänger da vorne könnte er unter Umständen auch noch erwischen!
Das Abbiegen ist grundsätzlich dazu da, den Fußgängern zu zeigen, dass sie nur Menschen zweiter Klasse sind. Auch wenn sie gerade grünes Licht haben – gilt nicht überall das Recht des Stärkeren, und hat das Auto nicht auch Grün? Also Platz da!

Neulich hätte Herr M. fast den Muttertag vergessen. Er beschloss dann spontan und in einem Akt der Mutterliebe, die alte Dame mit an Bord zu nehmen und gemeinsam mit ihr ins Grüne zu fahren, Wald und frische Luft würden sie das Pflegeheim für einige Stunden vergessen lassen. Und was gibt es Schöneres, als der Landluft noch eine kräftige Abgasnote zu verleihen? Leider musste sich seine Mutter mehrmals während der Fahrt übergeben. Herr M. steigt nun nicht mehr ganz so frohen Mutes in seinen vierrädrigen Egoverstärker.

alt

Dienstag, 15. April 2008

Die Schuldigen wurden gefunden. Die Schuldigen der Rentenmisere, an der allgemeinen Geldknappheit, an den Preiserhöhungen. Und überhaupt die Schuldigen an allem. Ein Politiker hat es ausgesprochen und viele halten sich begeistert daran fest: Wir können nichts dafür, nein, die Alten sind dran schuld! Die wollen Geld und tun nichts dafür!
Hütet euch: Sie sind überall. In der U-Bahn nehmen sie die guten Plätze weg. Sie verstopfen Krankenhäuser und Uniplätze, weil sie sonst nichts zu tun haben. Und das Schlimmste ist: Bald gehört ihr auch dazu!
Na dann: Am besten schon mal vorbereiten. Spanischkurs belegen und Karate dazu, denn morgen gehts um mehr als nur eine Rentenerhöhung. Da gehts ums Überleben – und zwar das eigene. Also: Organisiert euch, wehrt euch – und schimpft nicht mehr auf alles Alte! Denn wer ist denn das? Einer über 35? Oder doch erst über 45? 55? Wehrt euch, damit nicht zum staatlich anerkannten Hobby wird, was heute schon manchem Jungen durch den Kopf geht: Losziehen und Alte abklatschen. Denken’s und rufen: “Alter Penner, der stinkt nach Pisse!”
Kaum, dass sie ihre Windeln abgelegt haben.