Wir sind wieder (mal) wer!

28. Juni 2008 um 12:54 Uhr

… und darum können wir uns stark fühlen, ja so stark. Und darum können wir aufs Gas drücken, oh wie schön, wenn wir einen Fußgänger sehen, und schneller fahren, und noch schneller. Vielleicht erwischen wir ihn ja noch, den Schwächling, der keine Fähnchen trägt und frech über unsere Straße geht.
Wir aber sind die Guten und die Starken und die Meister in Deutschland.

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Das Böse. Es lauert auch vor deiner Tür!

30. Mai 2008 um 08:54 Uhr

Nehmen wir zum Beispiel Herrn M.. Im Alltag ist er ein recht vernünftiger Mensch, hält auch mal einer alten Dame die Kaufhaustür auf und greift manchmal zur Biomilch. Steigt er aber in sein Gefährt, so mutiert er augenblicklich. Der Anblick einer Fußgängerin mit Kind am Straßenrand veranlasst ihn an regnerischen Tagen, mal so richtig mit Schmackes durch die Pfütze zu fahren und denen zu zeigen, was ein Auto so alles kann! Während Mutter und Kind den Rest des Weges damit beschäftigt sind, sich fluchend den Dreck aus Augen, Mund und Ohren zu wischen und sich zu Hause erst einmal komplett duschen und umziehen müssen, geht er wohlig seinen Gedanken über Macht und Ohnmacht im deutschen Straßenalltag nach.
Auch die Tempo-30-Zone liefert ihm immer wieder Glücksgefühle: Gerade bei Pflasterstein kann man so richtig donnernd durch die Wohngegend brettern, man ist ja kein Weichei. Und den Fußgänger da vorne könnte er unter Umständen auch noch erwischen!
Das Abbiegen ist grundsätzlich dazu da, den Fußgängern zu zeigen, dass sie nur Menschen zweiter Klasse sind. Auch wenn sie gerade grünes Licht haben – gilt nicht überall das Recht des Stärkeren, und hat das Auto nicht auch Grün? Also Platz da!

Neulich hätte Herr M. fast den Muttertag vergessen. Er beschloss dann spontan und in einem Akt der Mutterliebe, die alte Dame mit an Bord zu nehmen und gemeinsam mit ihr ins Grüne zu fahren, Wald und frische Luft würden sie das Pflegeheim für einige Stunden vergessen lassen. Und was gibt es Schöneres, als der Landluft noch eine kräftige Abgasnote zu verleihen? Leider musste sich seine Mutter mehrmals während der Fahrt übergeben. Herr M. steigt nun nicht mehr ganz so frohen Mutes in seinen vierrädrigen Egoverstärker.

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alt

15. April 2008 um 22:54 Uhr

Die Schuldigen wurden gefunden. Die Schuldigen der Rentenmisere, an der allgemeinen Geldknappheit, an den Preiserhöhungen. Und überhaupt die Schuldigen an allem. Ein Politiker hat es ausgesprochen und viele halten sich begeistert daran fest: Wir können nichts dafür, nein, die Alten sind dran schuld! Die wollen Geld und tun nichts dafür!
Hütet euch: Sie sind überall. In der U-Bahn nehmen sie die guten Plätze weg. Sie verstopfen Krankenhäuser und Uniplätze, weil sie sonst nichts zu tun haben. Und das Schlimmste ist: Bald gehört ihr auch dazu!
Na dann: Am besten schon mal vorbereiten. Spanischkurs belegen und Karate dazu, denn morgen gehts um mehr als nur eine Rentenerhöhung. Da gehts ums Überleben – und zwar das eigene. Also: Organisiert euch, wehrt euch – und schimpft nicht mehr auf alles Alte! Denn wer ist denn das? Einer über 35? Oder doch erst über 45? 55? Wehrt euch, damit nicht zum staatlich anerkannten Hobby wird, was heute schon manchem Jungen durch den Kopf geht: Losziehen und Alte abklatschen. Denken’s und rufen: “Alter Penner, der stinkt nach Pisse!”
Kaum, dass sie ihre Windeln abgelegt haben.

Überwachung für jedermann!

30. März 2008 um 23:06 Uhr

Endlich können wir Ihnen bieten, wovon Sie schon lange geträumt haben!

Sie möchten wissen, was Ihr Chef am Telefon zu Turteln hat?
Sie wollen sehen, wie lange Ihr Boss die Toilette heimsucht?
Und was er dort macht?

Wir bieten unser buntes Überwachungsprogramm für jedermann
(und natürlich jederfrau)!
Kein heimliches Nasebohren in der Chefetage entgeht Ihnen mehr, ja auch launige Dialoge über liebe Kollegen werden jetzt automatisch aufgezeichnet und Ihnen auf Wunsch zugesandt. Einfach Dauerabonnent werden und nie wieder uninformiert zur Arbeit gehen!
Sie werden sehen, Ihr Vorgesetzter wird es Ihnen danken – spätestens nach einem dezenten Hinweis auf seine Bekanntschaft mit Frau XY …

Gewinnen Sie neue Freunde am Arbeitsplatz und neue Freude dazu – jetzt bestellen, dann erhalten Sie noch gratis den Original-Fingerabdruck Ihres Lieblingspolitikers auf Folie!

Da heißt es heute noch zugreifen!!!

Weichei

28. Oktober 2007 um 15:13 Uhr

Als er fünf war, erstarrte er, als ihm die bösen Jungs Schnee in den Kragen stopften. Dann brach er in Tränen aus und lief zur Mutter, die nur lächelnd den Kopf schüttelte. Ihm dann die Jacke auszog und ihn tröstete. Böse, böse Buben, die. Der Vater rümpfte die Nase und brummte “Weichei”.

Mit zehn wusste er genau, was er zum Lehrer sagen musste, damit seine Feinde ihre Strafe bekamen. Sein sanftes Gesicht ließ sämtliche Tanten und Großmütter dahinschmelzen – die bösen Buben aber merkten sich alles.

Zu seinem 15. Geburtstag schenkte ihm Lisa-Mareen ein Buch, das er nicht verstand. Ihre Hand auf der seinen verstand er auch nicht und ihre sehnsüchtigen Blicke; in jener Zeit verbrachte er wieder mehr Zeit in Mutterns Küche.

Das Treiben an der Uni fand er abstoßend. Nur gut, dass seine Jura-Kommilitonen nicht alle so schlimm drauf waren wie der Rest der Studenten. Die bösen Jungs hockten in anderen Fächern und diskutierten über die Entmachtung des Systems. Mit 26 hatte er sein Diplom mit Auszeichnung in der Tasche und dazu den Stolz des Vaters. Da lächelte er.

Mit dreißig dachte er ernsthaft über eine Ehe mit Sabine nach, aber dann wurde nichts draus. Auch seiner Mutter war sie verdächtig vorgekommen. Die Festnahme auf einer Demo gab ihm dann Recht. Kollegen nannten ihn übrigens “Kofferträger”, aber das störte ihn nicht. Er wusste, dass er auf dem richtigen Weg war. Nach oben nämlich.

Als er 39 war, konnte er zufrieden seine zwei Kinderchen und Charlotte betrachten, die das Häuschen in seinem Sinne pflegte. Seinen Sohn wollte er männlich erziehen. Er brüllte ihn an, als der mit Schnee im Anorak nach Hause kam. “Verdammtes Weichei”, dachte er nur.

Schon mit 42 war er in der Partei dort, wohin er sich einst mit fünfzig geträumt hatte. Das Händeschütteln des ersten Mannes sollte er nie vergessen. Den Blick von Rosa allerdings sehr schnell – für weibliche Aufdringlichkeit hatte er nach wie vor nichts übrig. Ihren Brief zerriss er. “Rosa? Wer soll das sein?”, würde er später denken.

“Stärke und den Blick fürs Wesentliche” versprach sein Wahlspruch, als er mit 51 stolz in die Kameras blickte und sich zum höchsten Amt gratulieren ließ. Seine Frau Charlotte stand neben ihm und strahlte in an, auch Tochter Sofia wirkte sehr fotogen. Nur Sohn Oliver blieb zum Entzug in der Klinik; ein Fakt, der den Journalisten entgangen war. Das hätte den bösen Buben bei den Zeitungen gefallen.

Die Meute bekam dann doch noch ihr Fressen, als sein Sohn vor laufenden Kameras aufkreuzte, eine Pistole hervorzog und den Vater niederschoss. “Selber Weichei”, murmelte er nur wirr, als die Polizei ihn mitnahm. Das Haus wurde dann später verkauft und Charlotte heiratete einen Architekten in Bonn. Aber das ist dann wieder eine andere Geschichte und Weicheier gabs da nicht mehr. Höchstens ein paar böse Buben.

Kürzestroman: Eine Ewigkeit

26. August 2007 um 10:21 Uhr

Sie stand wie so oft am Fenster, als sie ihn plötzlich die Straße heraufkommen sah. Er hatte sich kaum verändert, ein wenig schwerfälliger vielleicht. Aber er war es! Wollte er sie wirklich noch einmal besuchen, ihr alles erklären, alles ungeschehen machen? Sie schluckte und merkte, dass der Knoten in ihrem Hals nicht weichen wollte. Es tat weh, immer noch. Was sollte sie denn zu ihm sagen nach all den schweigsamen Tränen?
Einen Tee würde sie ihm anbieten, ja, der brachte Normalität; und sie würden über den Alltag reden, bis sie wieder frei atmen könnte. Und dann würde er sie in ihre Arme nehmen und alles wäre wieder gut. Wieder gut? Wie sollte das gehen? Sie hielt die Luft an. Warum klingelte er denn nicht? Hatte ihn schon wieder die Angst gepackt? Eine Ewigkeit verging und all die Bilder tauchten wieder vor ihrem geistigen Auge auf. Dann sah sie ihn. Er ging wieder die schmale Straße hinunter, doch diesmal war sein Gang der eines alten Menschen.

Sie nahm sich von dem Tee und hielt die warme Tasse mit beiden Händen fest. Nie wieder. Dann lächelte sie erleichtert.

Kürzestroman: Ein Augenblick

um 10:04 Uhr

Er stand ziemlich schwer atmend vor ihrem Haus und musste warten, bis sich sein Herzschlag wieder normalisiert hatte – der Aufstieg war mühsamer gewesen als früher. Dann starrte er die Namenschilder an der Haustür an. Ihr Name. Es würde ganz einfach sein, er musste nur klingeln, hey, ach du bists, öh ja, ich wollte nur einen Augenblick, aber klar, komm rein. Sie würde ihm womöglich eine Tasse Tee anbieten; ihm dabei vielleicht unsichere Blicke zuwerfen. Er könnte noch einmal am Küchenfenster stehen und den Ausblick auf die roten Dächer und den See genießen. Sie würden über Belangloses reden, während er sie in Gedanken schon an sich zog, sie küsste und alles vergessen war. Er könnte es tun. Sie würde wieder lachen und ihre Hände auf seine Schultern legen wie früher. Das würde sie. Vielleicht.
Er warf noch einen Blick auf die Namenschilder und wandte sich dann wieder der Straße zu. Nein. Kein Abschied, kein Wiedersehen; keine Träume mehr. Wer hatte das immer zu ihm gesagt? Nur allein bist du stark. Er ging.

Ihm wurde kalt.

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Kürzestroman: Gefangen

19. August 2007 um 10:33 Uhr

Sie starrte ihre Fesseln an und wusste in diesem Moment, dass sie die Hoffnung aufgegeben hatte. Von nun an würde sie nicht mehr schreien oder um Hilfe flehen, sondern die Augen schließen und auf das Ende warten.
Die plötzliche Stille verwirrte ihn. All die Tage hatten an seinen Nerven gezehrt und immer wieder hatte er die verdammte Waffe in die Hand genommen und sich die Ruhe vorgestellt, die danach einkehren würde. Aber warum schrie sie jetzt nicht mehr, was war los?
Er blickte hinunter in die Grube.

Ihr fiel ein Lied ein, das vor langer Zeit ihre Großmutter gesungen hatte, so nebenbei beim Kochen oder Aufräumen. Die Melodie, ganz leise gesummt, veränderte ihr dunkles Gefängnis mit einem Schlag.
Er hörte Töne, ganz leise, traurige. Und plötzlich war er müde von all dem. Er wollte das nicht mehr. Schob vorsichtig die Leiter nach unten.
Sie sah in dem Moment die Sprossen, als sie endgültig aufgeben wollte. Zitternd stand sie auf.

reisekrank

24. Juni 2007 um 13:16 Uhr

Endlich saß sie im Flieger. Lehnte sich zurück in Erwartung diverser Häppchen und eines Ausblicks auf Wolken von oben. Alles war geschafft, der Koffer ohne Übergewicht eingecheckt, im letzten Moment noch an Badeanzug und Reisewecker gedacht. Fenster geschlossen, Blumen in Badewanne, Tiere zur Nachbarin, Herd abgestellt. Herd. Abgestellt? Sie hatte am Morgen noch ein Ei gekocht, man muss ja was im Magen haben, das hatte schon ihre Mutter immer vor einer Reise gesagt, also Eichen gekocht, ausnahmsweise den guten Eierbecher genommen, Topf abgewaschen, Herd abgestellt?
Vor ihrem geistigen Auge taucht eine glühende Herdplatte auf, rot-leuchtend, eigentlich schön. Darüber der Lüfter, schmelzendes Plastik, das sich langsam in die Wand frisst.
Sie schnallte sich an und schloss die Augen. Die Hände eiskalt. Sie hatte den Herd abgestellt!
Allmählich würde sich das Glühen und Zischen in loderndeFlammen verwandeln. Noch ahnten die Nachbarn nichts, saßen gemütlich vorm Fernseher, während in ihrer einsamen Wohnung eine Feuerwand wuchs. Die ersten, die Alarm schlagen würden, wären ihre Meerschweinchen, bei Frau Schmittbauer untergebracht. Sie würden wie wild pfeifen und den todbringenden Dampf entsetzt zur Kenntnis nehmen. Und keiner würde sie verstehen! “Die sind aber laut! Wollen die schon wieder was zu essen? Na ihr Kleinen, noch eine Karotte?” Inzwischen wäre der brodelnde Lärm in ihrer Wohnung zwar zu hören, aber wer reagiert denn da? “Was bei denen wohl wieder im Fernsehen läuft?”
Den angebotenen Kaffee lehnte sie ab und die Stewardess schwebte lächelnd weiter. Gab es so etwas wie eine Notbremse in diesem Flugzeug? Man musste das Unglück verhindern!
Von der Straße wären Flammen sichtbar, die aus dem Fenster schlugen, und endlich würde jemand die Feuerwehr benachrichtigen. Riesige Löschfahrzeuge vor dem Haus, Lautsprecheransagen wie “Hier spricht die Polizei / Feuerwehr ( wie sagten die denn dann?) – bitte verlassen Sie umgehen das Haus, Achtung, es besteht Lebensgefahr, bewahren Sie Ruhe, kommen Sie mit erhobenen Händen …” – ach nein, das war ein anderer Traum. Sie ließ sich ein Bier geben, das beruhigte. Inzwischen hoch über den Wolken (wo war die grenzenlose Freiheit? Grenzenlose Panik!), hätte sie sich wirklich entspannen können. War sowieso alles zu spät. Konnte man vom Flugzeug aus anrufen? Sie hatte mal gehört, dass ein Handy ein Flugzeug zum Abstürzen bringen konnte. Aber war dies nicht ein Notfall? Ihre Hand umschloss den Apparat in ihrer Tasche.
Die Schweinchen. Keiner würde sie retten, obwohl sie alle hätten retten können! Wenn die Menschen doch nur mehr auf die Tiere … zu spät. Sie würde heimkehren und vor rauchenden Mauerresten stehen. Verwahrloste Gestalten würden im Schutt wühlen und vor ihren Augen ihre Perlenkette aus der Schatulle ziehen, letztes Überbleibsel guter Tage. Sie würde zusammenbrechen, schluchzend, und dann würde man sie in eine Nervenklinik einliefern, wo sie den Rest ihrer Tage im Dämmerzustand verbringen würde. Nur beim Anblick eines Meerschweinchens würde sie in hemmungsloses Schluchzen ausbrechen oder Schreikrämpfe kriegen.
“Meine Damen und Herren, wir setzen nun zum Landeanflug an. Wir hoffen, Sie hatten einen angenehmen Flug …” Verbrecher, alle. Die waren daran schuld, die hatten ihr das Telefonieren nicht erlauben wollen, die hatten ihr Leben ruiniert!

“Hallo Frau Schmittbauer, ich bins, ich wollte nur mal fragen, ist alles in Ordnung?” “Aber ja, machen Sie sich keine Sorgen, alles ist bestens, und Ihre kleinen Lieblinge haben ja so einen gesunden Appetit, gerade habe ich ihnen noch ein Stück Mohrrübe gegeben, tschüs, das wird ja sonst zu teuer, Sie machen sich ja immer viel zu viel Gedanken, viel Spaß noch!”. Sie legte auf. Vielleicht hatte sie den Herd ja doch abgestellt.

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