Essensausgabe

17. Mai 2009 um 21:56 Uhr

An sich war die Arbeit gar nicht so schlecht: Kartoffen schälen, Töpfe putzen und Punkt zwölf vorne am Tresen stehen und das Essen ausgeben. An sich. Die Küche war sauber und auch die Lebensmittel stanken nicht, das musste sie schon zugeben. Gut, einen Euro für eine Stunde war nicht viel, aber doch eine Aufstockung ihrer Bezüge, da wollte sie sich nicht beschweren. Das Problem war diese Frau. Hubner hieß sie, und ihre Augen waren überall.
Am Anfang hatte sie das gar nicht gemerkt. Küchenhilfe, das sollte sie sein, nichts weiter. Nur die Regeln waren ihr etwas komisch vorgekommen: „Soße und Fleisch sind stets über Kartoffeln oder Reis zu geben“. Komische Sache, aber na bitte, es gibt schlimmere Regeln, oder? Munter hatte sie immer alles über die Beilagen gekippt, es sah aus wie ein brauner Vulkan, und freundlich hatte sie den Leuten einen guten Appetit gewünscht. Auch wenn sie sie nicht verstanden – der Wille zählte doch, oder? Und Hunger hatten die offensichtlich, so wie die auf der anderen Seite ihres Tresen standen und sie anstarrten. Jeden Tag dasselbe. Zack, Patsch, rüberreich. Bis sie seine Augen gesehen hatte. Er nahm den Teller, blickte darauf und sah sie nur an. Verzweifelt? Aber warum?
Sie fing an ihn zu beobachten. Er setzte sich mit seinem Essen immer an denselben Platz, nahm seine Gabel und stocherte in den wenigen unbedeckten Zonen herum. Was sollte das, war man in seinem Land so anspruchsvoll? Immerhin bekam er hier doch Asyl, da sollte er sich doch etwas dankbarer zeigen. Sie wurde wütend, wollte noch eindeutiger die Soße verteilen. Doch gerade, als sie am nächsten Tag die große Schöpfkelle hob, sah sie seinen flehentlichen Blick und ein fast unmerkliches Kopfschütteln. Keine Soße? Da hörte sie hinter sich schon die scharfe Stimme der Hubner. „Nun machen Sie schon, das dauert ja ewig, die warten doch!“
Sie kippte die dicke Soße mit ihren Stücken über die Nudeln und wandte sich dem nächsten zu. Und doch musste sie ihn später beobachten, wie er fast nichts zu sich nahm. Mager, wie der war, warum aß er denn nicht? Sein hageres Gesicht war nicht schön, die schwarzen Augen so fremd für sie.
Am nächsten Tag gab es wieder eine Versammlung: „Und nicht vergessen, Fleisch und Beilage gehören zusammen! Es geht hier schließlich um Integration; wir sind in Deutschland, hier wird gutes Schweinefleisch gegessen!“
Am nächsten Tag fing sie damit an. Sie schob den Reis und das Gemüse auf die eine Seite. Aus Erbsen baute sie einen kleinen Wall in der Mitte; schnell musste es gehen und auffallen durfte es nicht. Aber sie schaffte es: Jenseits des Erbsenwalls war der braune See mit seinen kleinen Schweineinseln. Unerreichbar. Sie reichte ihm seinen Teller und sah, wie seine Augen aufleuchteten.
Zum ersten Mal aß er sich satt in Deutschland.

Kategorie Fiktion | Kommentare deaktiviert für Essensausgabe

Eine Liebesgeschichte in Hokkaido

9. Dezember 2008 um 19:40 Uhr

Vielleicht möchte sich ja irgendjemand in eine andere Welt versetzen lassen. Hokkaido, im Norden Japans. Eine Frau versucht sich und ihren kleinen Sohn auf ihrem Bauernhof durchzubringen, als ein fremder Arbeiter kommt und ihr Leben verändert. Reinschnuppern? Bei You Tube.

Mein Lieblingsschauspieler Ken Takakura ist der einsame Held.
Wie immer.

Kategorie Fiktion | Kommentare deaktiviert für Eine Liebesgeschichte in Hokkaido

Wir sind wieder (mal) wer!

28. Juni 2008 um 12:54 Uhr

… und darum können wir uns stark fühlen, ja so stark. Und darum können wir aufs Gas drücken, oh wie schön, wenn wir einen Fußgänger sehen, und schneller fahren, und noch schneller. Vielleicht erwischen wir ihn ja noch, den Schwächling, der keine Fähnchen trägt und frech über unsere Straße geht.
Wir aber sind die Guten und die Starken und die Meister in Deutschland.

Kategorie Fiktion | Kommentare deaktiviert für Wir sind wieder (mal) wer!

Das Böse. Es lauert auch vor deiner Tür!

30. Mai 2008 um 8:54 Uhr

Nehmen wir zum Beispiel Herrn M.. Im Alltag ist er ein recht vernünftiger Mensch, hält auch mal einer alten Dame die Kaufhaustür auf und greift manchmal zur Biomilch. Steigt er aber in sein Gefährt, so mutiert er augenblicklich. Der Anblick einer Fußgängerin mit Kind am Straßenrand veranlasst ihn an regnerischen Tagen, mal so richtig mit Schmackes durch die Pfütze zu fahren und denen zu zeigen, was ein Auto so alles kann! Während Mutter und Kind den Rest des Weges damit beschäftigt sind, sich fluchend den Dreck aus Augen, Mund und Ohren zu wischen und sich zu Hause erst einmal komplett duschen und umziehen müssen, geht er wohlig seinen Gedanken über Macht und Ohnmacht im deutschen Straßenalltag nach.
Auch die Tempo-30-Zone liefert ihm immer wieder Glücksgefühle: Gerade bei Pflasterstein kann man so richtig donnernd durch die Wohngegend brettern, man ist ja kein Weichei. Und den Fußgänger da vorne könnte er unter Umständen auch noch erwischen!
Das Abbiegen ist grundsätzlich dazu da, den Fußgängern zu zeigen, dass sie nur Menschen zweiter Klasse sind. Auch wenn sie gerade grünes Licht haben – gilt nicht überall das Recht des Stärkeren, und hat das Auto nicht auch Grün? Also Platz da!

Neulich hätte Herr M. fast den Muttertag vergessen. Er beschloss dann spontan und in einem Akt der Mutterliebe, die alte Dame mit an Bord zu nehmen und gemeinsam mit ihr ins Grüne zu fahren, Wald und frische Luft würden sie das Pflegeheim für einige Stunden vergessen lassen. Und was gibt es Schöneres, als der Landluft noch eine kräftige Abgasnote zu verleihen? Leider musste sich seine Mutter mehrmals während der Fahrt übergeben. Herr M. steigt nun nicht mehr ganz so frohen Mutes in seinen vierrädrigen Egoverstärker.

Kategorie Fiktion | Kommentare deaktiviert für Das Böse. Es lauert auch vor deiner Tür!

alt

15. April 2008 um 22:54 Uhr

Die Schuldigen wurden gefunden. Die Schuldigen der Rentenmisere, an der allgemeinen Geldknappheit, an den Preiserhöhungen. Und überhaupt die Schuldigen an allem. Ein Politiker hat es ausgesprochen und viele halten sich begeistert daran fest: Wir können nichts dafür, nein, die Alten sind dran schuld! Die wollen Geld und tun nichts dafür!
Hütet euch: Sie sind überall. In der U-Bahn nehmen sie die guten Plätze weg. Sie verstopfen Krankenhäuser und Uniplätze, weil sie sonst nichts zu tun haben. Und das Schlimmste ist: Bald gehört ihr auch dazu!
Na dann: Am besten schon mal vorbereiten. Spanischkurs belegen und Karate dazu, denn morgen gehts um mehr als nur eine Rentenerhöhung. Da gehts ums Überleben – und zwar das eigene. Also: Organisiert euch, wehrt euch – und schimpft nicht mehr auf alles Alte! Denn wer ist denn das? Einer über 35? Oder doch erst über 45? 55? Wehrt euch, damit nicht zum staatlich anerkannten Hobby wird, was heute schon manchem Jungen durch den Kopf geht: Losziehen und Alte abklatschen. Denken’s und rufen: „Alter Penner, der stinkt nach Pisse!“
Kaum, dass sie ihre Windeln abgelegt haben.

Überwachung für jedermann!

30. März 2008 um 23:06 Uhr

Endlich können wir Ihnen bieten, wovon Sie schon lange geträumt haben!

Sie möchten wissen, was Ihr Chef am Telefon zu Turteln hat?
Sie wollen sehen, wie lange Ihr Boss die Toilette heimsucht?
Und was er dort macht?

Wir bieten unser buntes Überwachungsprogramm für jedermann
(und natürlich jederfrau)!
Kein heimliches Nasebohren in der Chefetage entgeht Ihnen mehr, ja auch launige Dialoge über liebe Kollegen werden jetzt automatisch aufgezeichnet und Ihnen auf Wunsch zugesandt. Einfach Dauerabonnent werden und nie wieder uninformiert zur Arbeit gehen!
Sie werden sehen, Ihr Vorgesetzter wird es Ihnen danken – spätestens nach einem dezenten Hinweis auf seine Bekanntschaft mit Frau XY …

Gewinnen Sie neue Freunde am Arbeitsplatz und neue Freude dazu – jetzt bestellen, dann erhalten Sie noch gratis den Original-Fingerabdruck Ihres Lieblingspolitikers auf Folie!

Da heißt es heute noch zugreifen!!!

Weichei

28. Oktober 2007 um 15:13 Uhr

Als er fünf war, erstarrte er, als ihm die bösen Jungs Schnee in den Kragen stopften. Dann brach er in Tränen aus und lief zur Mutter, die nur lächelnd den Kopf schüttelte. Ihm dann die Jacke auszog und ihn tröstete. Böse, böse Buben, die. Der Vater rümpfte die Nase und brummte „Weichei“.

Mit zehn wusste er genau, was er zum Lehrer sagen musste, damit seine Feinde ihre Strafe bekamen. Sein sanftes Gesicht ließ sämtliche Tanten und Großmütter dahinschmelzen – die bösen Buben aber merkten sich alles.

Zu seinem 15. Geburtstag schenkte ihm Lisa-Mareen ein Buch, das er nicht verstand. Ihre Hand auf der seinen verstand er auch nicht und ihre sehnsüchtigen Blicke; in jener Zeit verbrachte er wieder mehr Zeit in Mutterns Küche.

Das Treiben an der Uni fand er abstoßend. Nur gut, dass seine Jura-Kommilitonen nicht alle so schlimm drauf waren wie der Rest der Studenten. Die bösen Jungs hockten in anderen Fächern und diskutierten über die Entmachtung des Systems. Mit 26 hatte er sein Diplom mit Auszeichnung in der Tasche und dazu den Stolz des Vaters. Da lächelte er.

Mit dreißig dachte er ernsthaft über eine Ehe mit Sabine nach, aber dann wurde nichts draus. Auch seiner Mutter war sie verdächtig vorgekommen. Die Festnahme auf einer Demo gab ihm dann Recht. Kollegen nannten ihn übrigens „Kofferträger“, aber das störte ihn nicht. Er wusste, dass er auf dem richtigen Weg war. Nach oben nämlich.

Als er 39 war, konnte er zufrieden seine zwei Kinderchen und Charlotte betrachten, die das Häuschen in seinem Sinne pflegte. Seinen Sohn wollte er männlich erziehen. Er brüllte ihn an, als der mit Schnee im Anorak nach Hause kam. „Verdammtes Weichei“, dachte er nur.

Schon mit 42 war er in der Partei dort, wohin er sich einst mit fünfzig geträumt hatte. Das Händeschütteln des ersten Mannes sollte er nie vergessen. Den Blick von Rosa allerdings sehr schnell – für weibliche Aufdringlichkeit hatte er nach wie vor nichts übrig. Ihren Brief zerriss er. „Rosa? Wer soll das sein?“, würde er später denken.

„Stärke und den Blick fürs Wesentliche“ versprach sein Wahlspruch, als er mit 51 stolz in die Kameras blickte und sich zum höchsten Amt gratulieren ließ. Seine Frau Charlotte stand neben ihm und strahlte in an, auch Tochter Sofia wirkte sehr fotogen. Nur Sohn Oliver blieb zum Entzug in der Klinik; ein Fakt, der den Journalisten entgangen war. Das hätte den bösen Buben bei den Zeitungen gefallen.

Die Meute bekam dann doch noch ihr Fressen, als sein Sohn vor laufenden Kameras aufkreuzte, eine Pistole hervorzog und den Vater niederschoss. „Selber Weichei“, murmelte er nur wirr, als die Polizei ihn mitnahm. Das Haus wurde dann später verkauft und Charlotte heiratete einen Architekten in Bonn. Aber das ist dann wieder eine andere Geschichte und Weicheier gabs da nicht mehr. Höchstens ein paar böse Buben.

Kürzestroman: Eine Ewigkeit

26. August 2007 um 10:21 Uhr

Sie stand wie so oft am Fenster, als sie ihn plötzlich die Straße heraufkommen sah. Er hatte sich kaum verändert, ein wenig schwerfälliger vielleicht. Aber er war es! Wollte er sie wirklich noch einmal besuchen, ihr alles erklären, alles ungeschehen machen? Sie schluckte und merkte, dass der Knoten in ihrem Hals nicht weichen wollte. Es tat weh, immer noch. Was sollte sie denn zu ihm sagen nach all den schweigsamen Tränen?
Einen Tee würde sie ihm anbieten, ja, der brachte Normalität; und sie würden über den Alltag reden, bis sie wieder frei atmen könnte. Und dann würde er sie in ihre Arme nehmen und alles wäre wieder gut. Wieder gut? Wie sollte das gehen? Sie hielt die Luft an. Warum klingelte er denn nicht? Hatte ihn schon wieder die Angst gepackt? Eine Ewigkeit verging und all die Bilder tauchten wieder vor ihrem geistigen Auge auf. Dann sah sie ihn. Er ging wieder die schmale Straße hinunter, doch diesmal war sein Gang der eines alten Menschen.

Sie nahm sich von dem Tee und hielt die warme Tasse mit beiden Händen fest. Nie wieder. Dann lächelte sie erleichtert.

Download bei Kostenlose Deutsche Wordpress Themes