Gebrüder

29. November 2006 um 8:41 Uhr

Es gibt Menschen, die richtig sauer werden, wenn jemand von den „Gebrüdern Grimm“ spricht. Na schön, ich sehe ein, dass der Ausdruck fälschlich verwendet wird: Sie selbst haben sich „Brüder Grimm“ genannt und sich nicht als Firma angesehen. So weit, so gut. Manche werden aber geradezu fuchsteufelswild, wenn das Wort „Gebrüder“ überhaupt für eine Firma verwendet wird, wenn vielleicht nur zwei von drei Brüdern diese Firma gegründet haben. Wie bitte? Ursprünglich bedeutete das Wort Gebrüder: Alle Brüder einer Familie. Aber das ist schon eine ganze Weile her. Das Wort in einen Firmennamen aufzunehmen wurde erst später üblich. Und? Muss man sich da heute aufregen, weil der Begriff sich verändert hat? Wegen einer solchen Lapalie laut über den Verfall der Sprache und der Sitten und des Abendlandes klagen?

Lächerlich.

Eine überlange Diskussion zu diesem unwichtigen Thema findet man auch hier.

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Immer teurer

um 8:27 Uhr

Gestern beim Bäcker: Manchmal mache ich einen kleinen Umweg und gehe genau zu diesem Bäcker; einige der Brote sind richtig gut. Ich kaufe eins davon. Ich bezahle. Und werde sehr nachdenklich. Moment mal, 2,63 € für das Brot? Freundlich frage ich nach, ob sich irgendwas an den Preisen geändert hat – man weiß ja nie, vielleicht ist das nur die ulkige Idee des Tages oder sowas. Ist es nicht. „Ja, am 1. November wurden hier die Preise erhöht.“ Als die Verkäuferin das sagt, senkt sie verlegen den Blick und wird dann ganz geschäftig. So ist das also. Während alle auf die schlimme Steuererhöhung im nächsten Jahr blicken, werden hier schon mal 50 Cent auf ein Brot draufgeknallt. Schubweise schluckt das Volk das eher, oder?

Heute beim Frühstück schneide ich sehr bedächtig die ersten Scheiben vom neuen, wertvollen Brot. Andächtiges Kauen. Vor meinem geistigen Auge Menschen, die sich beim Anblick des Brotpreises abwenden müssen. Ich auch, wenn das so weitergeht. Zu teuer.

Beim türkischen Bäcker gegenüber kostet ein Laib noch 99 Cent. Wie dachte sich das die ahnungslose Marie-Antoinette? Dann sollen sie eben Weißbrot essen!

Die wurde dann aber geköpft.

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Wohldüfte

28. November 2006 um 8:17 Uhr

Heute trete ich aus dem Haus – und atme tief ein. Ah! Zimt! Ein Hauch von Vanille dabei! Wir leben im Schlaraffenland. Schwaden von süßen Wunderdüften überdecken ganze Stadtteile. Tja, es hat eben nicht jeder eine berühmte Keksfabrik in der Nähe.
Manchmal im Sommer, wenn ich dort im Industriegebiet durchradle, ist der Geruch nach Schokolade so stark, dass ich vom Fahrrad absteigen und mir sofort eine Packung Schokokekse kaufen möchte. Heute aber merke ich, dass Weihnachten und Zimt in der Luft liegen. Glücklich benebelt bringe ich meinen Sohn zur Schule. (Von Bitumen oder Hundehaufen keine Spur)
Ob der Senat wohl einen Zuschuss für Geruchsverstärker gibt? Verstehen würde ich es. Kein Mensch kann unter diesen lieblichen Schwaden auf die Barrikaden gehen!

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Vor der Tür

27. November 2006 um 12:22 Uhr

Wenn ich aus dem Haus trete, sollte ich das nicht zügig-schwungvoll machen, sondern mich erst einmal umsehen. Nicht, dass hier finstere Gestalten mit Maschinengewehren lauern würden, nein. Aber einige Fahrradfahrer rasen so schnell über den Bürgersteig, und so dicht an den Haustüren vorbei, dass Vorsicht geboten ist! Beim Weitergehen muss ich dann den Blick senken: Die bekannten Tretminen (Hundehaufen) sind in Neukölln offensichtlich noch großzügiger verteilt als in anderen Gegenden. Vor dem Eingang, oder mitten auf dem Gehweg. Nur Hundehasser beschweren sich natürlich, pfui!

Traumhaft: Wenn jeder Hundehaufen der Stadt auch nur einen Euro einbringen würde, dann wären wir saniert! Kindergärten, ruhende Projekte und Reparaturen könnten endlich in Angriff genommen werden. Wundervoll!

Stattdessen stinkt es mir. Danke.

Darum läuft man auch besser mit gesenktem Blick durch Neukölln. Wenn man ihn dann mal mutig hebt, fällt er in unserer Straße gleich auf die letzten traurigen Deutschlandfahnen, die noch von der WM übrig sind. Etwas staubig, nicht mehr so stolz wie im Sommer. Gleich daneben der erste kleine Weihnachtsmann, der sich an einem Netz ein Haus hochhangelt.

Soll ich da wirklich erhobenen Blickes weitergehen?

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Sonderliches

25. November 2006 um 17:34 Uhr

Trotzdessen, dass … habe ich neulich gehört. Hm. Trotzdessen, dass ich gut Deutsch spreche, habe ich hier Probleme, das sofort zu verstehen. Wie kommt das? Es gibt Sprachgewohnheiten, die wohl regional oder altersmäßig unterschiedlich sind. Ich versuche das erstmal zur Kenntnis zu nehmen und nicht gleich laut zu tönen: „Das gibt es nicht, das ist falsch, das steht nicht im Duden!“ Toleranz also auch in der Sprache? Ja.

Letzte Woche beim Bäcker (Am Zoo übrigens, nicht hier in Neukölln): Ein Tourist tobt. „Das sind Berliner, wieso schreiben Sie da Pfannkuchen hin, das ist idiotisch, bei uns in Hamburg…“ Nerv. Wie kann man sprachlich nur so verkrampft sein? In München rege ich mich doch auch nicht auf, wenn die dort Semmeln verkaufen!

Ich sage hier beim Bäcker schon ganz dreist, dass ich einen Berliner haben will. Macht mir Spaß …

Vordrängeln

um 17:13 Uhr

Neulich im Rathaus Neukölln: Ein paar Leutchen warten bei der Info; dort bekommt man einen fertigen Ausweis oder muss ein Papier holen. Geht eigentlich recht zügig. Ich stehe in der Schlange, hinter mir auch einige, ein unrasierter Türke gesellt sich dazu und fragt gleich höflich, wer denn der Letzte ist. Stellt sich dann brav dahinter. So sieht ein schönes Miteinander aus, alle sind gleich und gleich friedlich! Ich bin dran, gehe in das Büro, bespreche am Schalter mein Anliegen. Da kommt plötzlich eine ältere Frau reingeplatzt, Deutsche. Ja, sie müsse nur schnell ihre Lohnsteuerkarte abgeben … Diskussion mit der Sachbearbeiterin, die mich nicht mehr beachtet, sie solle sich doch draußen anstellen wie alle anderen, nein, das geht doch ganz schnell, aber das stimme doch nicht mit der Karte, Moment mal, aber ich … blabla. Ich verlasse den Raum unbeachtet, aber mit einem neuen Ausweis, immerhin. Draußen die Wut der anderen. „So muss man’s machen“, knurrt der vorher so sanfte Türke. Alle sind seiner Meinung und starren durch die Glastür auf die Frau, die noch einige Zeit in heftige Diskussion verstrickt ist. Bis sie endlich rauskommt. Hass auf allen Gesichtern. Ich träume: Wir bilden einen Ring und lassen sie nicht durch, bis sie sich unter Tränen für ihr unverschämtes Verhalten entschuldigt. Bitte, ich werde es nie wieder tun, es tut mir leid!!

Die Wirklichkeit: Sie wird von Blicken, auch meinen, durchbohrt, aber keiner sagt was und sie macht sich schleunigst aus dem Staub. Scheint ihr etwas peinlich zu sein!
So ist das, wenn jemand die kleine, harmlose Ordnung stört. Plötzlich sind alle unzufrieden und gereizt und ärgern sich am Ende, nichts gesagt zu haben.

Ich auch.

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Samstags im Drogeriemarkt

um 12:35 Uhr

An der Kasse: Die freundliche Kassiererin fragt mich, ob ich noch ein Heftchen mitnehmen möchte. Sie zeigt dabei auf ein wirklich ganz schön dickes Werbeheft. „Für Sonntag“, meint sie. Jetzt werde ich doch neugierig. Vielleicht eine spannende Sonntagsbeilage? Ein besonderes Ereignis? „Wieso Sonntag?“, frage ich also. „Na weil man da doch Zeit hat, zum Lesen!“,  erklärt sie.

Jetzt bin ich doch verblüfft. Ich stelle mir vor, wie ich auf meinem (nicht existierenden) Sofa sitze und genüsslich die Preise für Deostifte und Duschgels vergleiche und dabei ins Träumen gerate … soll ich vielleicht doch eins mitnehmen?

In der S-Bahn

um 1:10 Uhr

Man starrt aus dem Fenster oder ins Buch. Manche lassen sich mit seltsamen Klängen zudröhnen – sie wollen vielleicht nicht auffallen, tun es aber und ernten missbilligende Blicke. Und auffallen wollen die meisten dann doch nicht. Einfach in Ruhe gelassen werden. Neulich, am Zoo, da beklagte sich eine, die schon lange von Deutschland weg ist: Hier sei man so starr und anonym in der U-Bahn. Dabei ließ sie sich von einem offenbar Unbekannten ausquetschen über ihr Woher und Wohin und sie erzählt lautstark. Selber schuld. War doch nur ne simple Anmache, und sie schwärmte von Australien!

Anekdote von der U-Bahn, heute unter Kolleginnen erzählt: Schweigsame Fahrt, knallvolle U-Bahn. Eine völlig verhüllte Muslimin wird auf ihr unruhiges Baby aufmerksam, nimmt es zu sich, zieht völlig ungeniert die Bluse runter (nicht hoch!) und stillt das Kind. Fassungslosigkeit und verwirrtes Weg- oder Hinschauen im Wagen. Das will einfach nicht zusammenpassen!

Heute, in der S-Bahn. Ich habe meine paar Einkäufe im Rucksack auf dem Schoß und betrachte die müden Freitagsgesichter meiner Mitmenschen. Traum: Wenn jetzt ein böser Terrorist käme und uns hier tagelang gefangen halten würde: Wie lange würden meine Brötchen, der Saft und die Schokolade halten? Würde ich allen etwas abgeben, würden alle teilen? Oder zieht man in so einer Situation heimlich, wenn keiner hinschaut, ein lebensrettendes Stückchen aus der Tasche und schiebt es sich unauffällig in den Mund? Und dann das Geschrei und die Empörung der anderen, wenn sie es merken!

Erleichterung, als ich in Neukölln aussteigen kann, ohne meine Einkäufe rausrücken zu müssen.

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