Neukölln – von außen und von innen

14. Januar 2007 um 23:11 Uhr

Ich versuche mir vorzustellen, wie jemand diese Gegend empfindet, der ganz fremd ist. Vielleicht frisch vom Bodensee, mal Großstadtluft schnuppern. Was sieht man? Müll auf der Straße. Eine ausrangierte Matratze, offensichtlich einfach aus dem Fenster geschmissen. Hundehaufen (vorhin wieder einer reingetreten, der Arme). Dunkle Gestalten huschen unter der S-Bahn-Brücke Neukölln durch. Bloß nicht angesprochen werden. Zumindest jetzt um diese Tageszeit nicht! Bei Licht: Menschen, die ungewöhnliche Kleidung tragen. Denn das muss ich schon sagen: Man kann ja rumlaufen, wie man will. Fast auch machen, was man will. Solange es nicht zu sehr nervt, die anderen, meine ich.

Wahrscheinlich ist der Besucher frisch aus der Provinz entsetzt. Dazu noch die ganzen Gerüchte und Berichte über Neukölln! Nichts wie weg.

Dann betrachte ich meine Wohngegend mal mit meinen Augen, ohne panische Distanz: Okay, immer noch der Müll. Man sollte halt aufpassen, dass man in nichts reintritt. Ansonsten ignorieren, wie so vieles. Besoffene? Nicht ernst nehmen, die spülen nur ihren Frust runter und beißen nicht. Finstere Typen? Ach was. Allzu elegant sollte man sich hier wirklich nicht kleiden, overdressed is nich. Also: Verwandle dich auch in eine finstere Gestalt. Cool. Gelassen. Wenn nötig, sogar freundlich, um die Verschreckten zu beruhigen. Und dann merkt man, dass hier ganz normale Menschen leben. Die Mieten sind günstiger als woanders. Man kann billig einkaufen. Es ist alles ein bisschen bunter. Es gibt spannende Hinterhöfe, die ganz anders aussehen als die Fassade des Hauses. Und sicher gibt es auch irgendwo Kriminalität. Aber deshalb reagieren die Leute auch schneller, wenns nötig ist! (Neulich von den Schüssen in der Nogatstraße weiß ich nur aus der Zeitung. Man kriegt das nämlich nicht mit, wenn was passiert.) Gut, das häufige Tatütata von irgendwelchen Krankenwagen oder Polizeieinsätzen stört manchmal. Aber auch nicht wirklich.

Ehrlich, ich kann es noch eine Weile hier aushalten. Heute Richardplatz und das böhmische Dorf gesichtet, auch die Rixdorfer Schmiede: Sonntagsausflug. Anschließend Döner und türkischen Tee. Mit viel Zucker!

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Keine Angst, es tut nicht weh

um 10:15 Uhr

Denken Sie immer daran: Sie wollen nur unser Bestes. Also Schluss mit dem Murren. Ich weiß das, glauben Sie mir. Mein Name ist übrigens Otto. Otto Acht Fuffzehn. (Ich weiß, ein komischer zweiter Vorname, aber meine Mutter hatte damals diese Idee …)

Neulich auf dem Bürgeramt wurde es mir zum ersten Mal klar: Die tun was! Da wollte ich einen neuen Reisepass. Mit allem Schnickschnack! Fingerabdruck. Auge gescannt. Foto ohne Lächeln, von vorne, damit man mich auch in Amiland reinlässt. Und da fragten die mich doch glatt: Haben Sie denn auch schon eine S-Genehmigung?

S? S wie “Sonder-”? Ja. Das klingt doch richtig gut, finden Sie nicht? Bei meinem Handy ist es mir ja schon eine ganze Weile aufgefallen. Ausgabe “S” stand da. Bitte nicht abschalten. Also lasse ich es natürlich an, schließlich dient das ja auch meiner eigenen Sicherheit.

Die Kameras in den Bahnen, Banken und über meinem Schreibtisch finde ich im Prinzip auch gut. Da kann mir nichts passieren. Und sie tun doch niemandem weh. Wer nichts zu verbergen hat, soll das gefälligst einsehen. Denn die Gefahr lauert schließlich überall. Von denen, Sie wissen schon.
Dass das Navigationssystem in meinem Wagen sich jetzt immer automatisch einschaltet, fand ich anfangs ulkig. Die sanfte Stimme leistet mir jetzt morgens auf dem Weg ins Büro Gesellschaft, da kann man nicht meckern. Ist doch auch beruhigend, finden Sie nicht? Zu wissen, dass da jemand ist, der mich beschützt. Ich bin nirgends allein. Gut.
Neulich erzählten mir meine Kinder begeistert von ihrem neuen Schulprojekt: “Öffne die Augen!” Ja, toll, was? “Sehen und berichten” heißt die Devise, und die beiden finden das echt cool. Sie bekommen kleine Kärtchen mit Bonuspunkten, wenn sie etwas Ungewöhnliches weiterleiten. Etwas Andersartiges, Fremdartiges eben. Die Idee stammt übrigens von dem neuen Lehrer, meinten sie. Na also, geht doch! Meine Rede: Es tut sich was.
Jetzt bin ich doch mal gespannt, ob ich die Sonderkarte kriege. Die bekommt nämlich nicht jeder, nö, da muss man schon was Besseres sein. Einsatz zeigen! Ich habe einen kleinen, nicht belastenden Bericht über meine Nachbarn geschrieben, weiter wollten die nichts von mir. Und überhaupt: Meine Nachbarn sind selber schuld, wenn man sie auf dem Kieker hat!

Ach, wo wir gerade dabei sind: Was haben Sie eigentlich gestern Abend gemacht? War nicht abgemacht, dass der Rechner angeschaltet bleibt? Was sollen die Heimlichkeiten? Ich kann hier alles sehen, müssen Sie wissen. Nur so als kleine Warnung. Ist schließlich auch gut für Sie.

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“Wenn das alle täten!”

um 00:47 Uhr

Auch so ein Spruch, der mich wahnsinnig macht. Es gibt nichts, was alle tun. Dazu sind wir ja eine Gemeinschaft von unterschiedlichen Wesen! Auch, um andere mitzutragen.

Nina hat zur Party nichts mitgebracht und es ist ihr extrem unangenehm. Aber sie hatte einfach keine Zeit / kein Geld / keine Gelegenheit, was solls. Geli zischelt unfreundlich: Wenn das alle täten! Das gäbs nichts zu essen hier!

Man sollte einfach mal ein bisschen nachdenken, bevor man diesen Spruch loslässt. Er verrät auch zu sehr, wes Geistes Kind einer ist – wär mir jedenfalls peinlich.

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Schnorrer

12. Januar 2007 um 23:47 Uhr

Na so was: Da stoße ich zufällig auf einen Wikipedia-Artikel über das Verb schnorren. Und ich erfahre: Der Schnorrer war früher im Judentum ein Bettler, der durch seine Existenz dem Gläubigen ermöglichte, Barmherzigkeit zu üben. Wie interessant! Der Gute ist also der, der die Gabe annimmt, nicht der Spender. Der muss nur sein Sündenregister verringern.

Mensch. Ich habe gleich eine kleine Münze unterwegs gespendet und mich besser gefühlt. Wenn wir schon keine zwanzig Rosenkränze mehr beten dürfen, zum Ablass meine ich.

Das Wort selbst kommt vom schnarrenden Instrument des Bettlers. Was immer das dann war.

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Farbenspiele

11. Januar 2007 um 23:05 Uhr

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Zur Arbeit

um 22:57 Uhr

Die Augen: Geschlossen. Keiner spricht. Gegenüber raschelt eine Zeitung. Neben mir raschelt eine Tüte vom Bäcker. Gemütliches Kauen. Ein kleiner Duft nach Kaffee. Ein Fiepen irritiert mich, bis ich merke, dass da ein Hund leidet, der nicht gerne S-Bahn fährt. Armes Tier. Frauchen streichelt.

Die Augen: Kurz geöffnet. Staunen. Der Himmel ein unglaubliches Bild! Kurzer Gedanke an China: Der Osten ist rot. Am liebsten würde ich meinen Nachbarn anstoßen, Mensch, sehnse mal, der Sonnenaufgang! Aber das gehört sich nicht. Und wer weiß, vielleicht würde der ihm gar nicht so gut gefallen wie mir. Die Geschmäcker sind ja doch verschieden.
Meine Lektüre bleibt in der Tasche. Ich kann den Blick einfach nicht abwenden. Rosa-orange Streifen, verschiedene Schichten, das Grau wird vertrieben. (Kitsch pur, sowas darf man ja nicht malen) Der Zeitungsleser von gegenüber faltet sein Blatt zusammen und hebt den Blick: und erstarrt verblüfft.
Ha, es hat ihm auch gefallen!

Na also. So fängt doch ein Tag gut an.

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Ups …

10. Januar 2007 um 10:03 Uhr

Jetzt geht es mir doch glatt wie Donald! Ich habe Daisys Geburtstag vergessen. Und das beim Siebzigsten!
Ob eine Frau allerdings unbedingt durchdrehen und rumkeifen muss, wenn sowas passiert, ist eine andere Frage. Und auch Stöckelschuhe und Haarschleifchen sind nicht eben meine Sache. Aber lachen kann ich über diese Klischees allemal!

Aber was schenkt man da eigentlich?

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alt und arm

9. Januar 2007 um 23:16 Uhr

Manchmal ist die Armut offensichtlich. Heute bei dem alten Mann an der S-Bahn zum Beispiel, der sich einen kleinen Stuhl dort am Eingang aufgestellt hatte und zusammengesunken bettelte. Das heißt: Er hielt einen kleinen Plastikbecher in der Hand und tat nichts.
Aktiver war da schon der junge Mann vor dem Supermarkt. Der saß da mit seinem Hund und grinste alle an. Sein Arm bewegte sich fordernd.
Noch aktiver aber sind die alten Menschen, die in aller Frühe aufstehen, um in der Nachbarschaft die in der Nähe gestapelten Zeitungen zu verteilen. Hab ich auch nicht gewusst.

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nein iläwn

um 08:37 Uhr

Er war lange Zeit nicht mehr in Berlin gewesen. Alles schien so fremd. Schon dass man Kochstraße aussteigen und dann immer weiter nach Norden gehen konnte, zu Fuß, die Friedrichstraße entlang! Unfassbar. Dafür hatten seine Mitmenschen natürlich wenig Verständnis. “Amerikaner”, dachten sie vielleicht, und das wars dann. Obwohl er ja auch aus Deutschland kam.

An jenem Morgen wollte er die S-Bahn nehmen, die Ringbahn – auch so eine fantastische Änderung. Das wäre praktisch gewesen zu seiner Studienzeit, nicht mit der öden U7 durch die halbe Stadt! Damals. Er träumte vor sich hin. Hier in Neukölln hatte sich nicht so viel geändert, die Karl-Marx-Straße sah fast so aus wie vor dreißig Jahren. Die Brücke des S-Bahnhofs, auf der er jetzt stand, hatte er oft gesehen. Und nicht beachtet.

Alle Leute um ihn herum wirkten gelassen. Gelangweilt. Ein ganz normaler Morgen für sie. Man wartete auf den Zug. Die Anzeige: Noch zwei Minuten. Er starrte ebenso vor sich hin. Hörte dann das Motorengeräusch. Blickte auf, über die Dächer Neuköllns: Ein Flugzeug! Klein, mit Propellern. Es näherte sich der Stadt. Panik ergriff ihn. Ja sahen sie denn nicht die Gefahr? Hörten sie es nicht? Immer tiefer ging es, schon fast streifte es die Häuser. Und immer noch dieser Stumpfsinn bei seinen Mitmenschen. Nein! Das durfte nicht sein! Gleich würde es krachen, Schreie, Sirenen. Und niemand wollte etwas tun, weil hier in dieser Stadt offenbar nur noch Gleichgültigkeit regierte. Immer näher. Lauter.

Da fing er an zu schreien. Er rannte los. Schüttelte die Passanten, brüllte sie an. “Man muss was tun!”, und “Nein, nein!!”. Sie sahen ihn verständnislos an. Ja waren sie denn blind? Zu spät, nur noch wenige Sekunden!

Ein älterer Herr klopfte ihm beruhigend auf den Rücken. “Keine Panik, junger Mann. Det is hier immer so. Da drübn is der Flughafen Tempelhof, wissense.”

Beschämt verließ er den Bahnsteig, unter mitleidigen Blicken. Morgen ging sein Flug zurück nach New York. Nach Berlin würde er so schnell nicht mehr kommen.

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