Andreas 27

14. April 2007 um 21:24 Uhr

Als Andreas an diesem letzten Feriensamstag vom Einkaufen heimkehrte, fand er zu seiner Überraschung eine Postkarte im Briefkasten. Wer sollte ihm schreiben? Eine fremde Briefmarke – aus Albanien! Das Bild auf der Karte: eine romantische Berglandschaft, Hügel bis an den Horizont und im Vordergrund eine lächelnde junge Frau in offensichtlich traditioneller Kleidung, mit einem gut gefüllten Obstkorb im Arm. Wer zum Henker schickte ihm diese Karte? Diszipliniert wie er war, wartete er, bis er in seiner Wohnung war, und las dann:
“Hey Alter! Na rate doch mal, von wem diese Karte ist! Hängst du immer noch im versifften Berlin rum? Ich habe den Absprung geschafft und arbeite jetzt an der Uni in Tirana. Voll gut! Weißt du noch, wie wir als Kinder gewettet haben, wer es weiter bringt, du oder ich? Tja, war wohl nix, Andilein!”
Verwirrt starrte Andreas auf die Zeilen. Das konnte nur eine geschrieben haben: Seine dreiste Cousine Lara. Du lieber Himmel! Sie hatte ihn schon immer aufgezogen, weil er wohl erzogen am Tisch sitzen blieb, während sie nach dem Essen aufsprang und in den Garten rannte. “Göre!”, hatte seine Mutter dann immer gezischelt. Er aber war ihr später nach draußen gefolgt und hatte sich willig und fasziniert all ihren verrückten Wünschen gebeugt. Als sie dreizehn waren, musste er ihr Informationen über die Beschaffenheit des männlichen Körpers beschaffen. Noch jetzt wurde er schamesrot, wenn er an diese Begebenheit im Gebüsch zurückdachte! Obwohl es eigentlich nicht wirklich schrecklich gewesen war … Lara hatte ihm damals Dinge über Mädchen verraten, die ihn tief beeindruckt hatten. Und jetzt war sie in Albanien? Wow. Er schloss die Augen und stellte sich dieses fremde Land vor. Sicher, Armut und Schmutz gab es. Aber auch schöne Landschaften und Einsamkeit und das Meer. Ob er sie einmal besuchen sollte?

Er erinnerte sich nicht mehr genau an den Zeitpunkt, zu dem ihm seine japanischen Mitschüler richtig verhasst wurden. Warum mussten sie ihn auch quälen, ihn aufziehen wegen seiner Andersartigkeit? An der Sprache lag es nicht, denn Japanisch beherrschte er fließend. Aber er dachte anders als sie: viel japanischer und traditioneller als irgendeiner unter ihnen. Während sie mit den Mädchen rummachten und in Discos rannten, verbrachte er die Zeit im Tempel bei seinem Meister. Er half ihm die Bäume zu stutzen und die Stufen zum heiligen Raum zu kehren. Doch eines Tages musste er dieses Land verlassen, und einen Teil davon nahm er mit sich: Wenn er die Augen schloss, konnte er den abendlichen Singsang des Süßkartoffelverkäufers mit seiner Karre wieder aufleben lassen. Und er sah sich als kleinen Jungen hinter dem alten Mann herlaufen und eine große, heiße, rote Kartoffel erstehen, in Zeitungspapier eingewickelt, die er dann stolz seiner Mutter heimbrachte.
Vorbei, für immer. Und doch würde er durch seine Taten zumindest etwas vom Guten nach Deutschland bringen. Sein Schwert musste eben sprechen, wenn sonst nichts nutzte!

Andreas war bis zum Abend guter Laune. Eine Karte aus der Ferne! Und die Sonne schien so unglaublich, dass Berlin vielleicht sogar mit Albanien mithalten konnte. Und irgendwo in den USA hatte es am Vortag Schneestürme gegeben! In seinem Überschwang überlegte er sogar für eine Sekunde, ob er Eisbärbaby Knut im Zoo besuchen sollte – doch nein, den Massenandrang würde er sich nicht antun. Stattdessen beschloss er, noch einen besinnlichen Abendspaziergang über den Friedhof zu machen. Nirgends gibt es so viel Grün an der Hermannstraße wie dort. Dumm nur, dass er schon nach wenigen Metern in diesem Grün angebrüllt wurde: “He Sie, wir schließen aber gleich!”. “Ich weiß, in zwanzig Minuten!”, versuchte er zurückzubrüllen, aber sie schien versessen darauf zu sein, ihn aufzuhalten. Da gab er betrübt seinen Plan auf und kehrte um. Die Frau mit ihren zwei Hunden (Auf dem Friedhof!) starrte ihn gimmig an und er zog wie so oft den Kopf ein. Nur keinen Ärger.

Das Schwert sauste surrend durch die Luft und trennte den Kopf so schnell von seinem Körper, dass noch ein überraschtes Lächeln auf dem Gesicht zu liegen schien, als er schließlich zwischen den Gräbern landete. Wieder war der Gerechtigkeit Genüge getan.

Andreas 26

11. April 2007 um 19:39 Uhr

An diesem Tag war Andreas besonders bekümmert. Nicht nur, dass ihn die Osterferien langsam langweilten (es machte wohl doch auch etwas Spaß, die lieben Kleinen zu quälen), nein, er hatte auch das Gefühl, an seine persönlichen Grenzen zu stoßen. Denn es gab eine Zutat für den perfekten Krimi, die ihm wirklich Sorgen bereitete, eine Zutat, die Millionen von Lesern liebten, unverständlicherweise: der Humor. Er sah sich ratlos in seiner Wohnung um. Ordentliches Bücherregal. Nippes von Mama, das er nach ihrem letzten Besuch (wie lange war das jetzt schon her?) vergessen hatte, wieder beiseite zu schaffen. Sein Schreibtisch überhäuft mit noch zu korrigierenden Texten und Übungsblättern, die er sich über die Feiertage runtergeladen hatte. Wo kriegt man Humor her?, fragte er sich verkrampft. Na gut, die schwedischen Krimis waren auch nicht übermäßig spaßig und doch erfolgreich. Trübe Ausblicke auf die einsame Winterlandschaft um gewisse Orte, die jetzt schon Touristenattraktionen waren, nur weil Kommissar Wallander dort gewandelt sein sollte. Dröge Häuserzeilen und verweifelte Einzelschicksale – nein. Die englischen Autoren, ja, die hattens schon besser drauf. Überraschende Entwicklungen, ironische Beschreibungen selbst der Opfer, ein schwuler Pathologe, der dem unangepassten Kommissar gerne näher kommen würde … wie lernte man das? Ach ja, auch sein Problem mit der Annäherung Kommissarin – Mörder war noch nicht gelöst.

Noch immer war die junge Kommissarin in dem japanischen Garten. Langsam war sie auf die kleine Holzbrücke gewandert und lehnte sich nun an das verzierte Geländer, um auf die Nachbildung eines buddhistischen Tempels zu blicken. Er war die ganze Zeit hinter ihr geblieben, das konnte sie spüren. Wie hatte sie ihn eigentlich gefunden? Oder war er es, der sie aufgespürt hatte? Es war klar gewesen, dass der Treffpunkt hier sein würde.
Sie schloss die Augen und ihre Hände umschlossen noch fester die starken Holzstäbe, als würde sie sonst den Boden unter den Füßen verlieren. Er trat direkt hinter sie und konnte den Hauch ihrer Haare riechen. Wie konnte jemand eine solch rote Mähne haben? Fast berührte er sie, aber nur fast. Sie zuckte zusammen, als sie seine Stimme vernahm, die tiefer klang, als sie es erwartet hätte.
“Man muss früh am Morgen hierher kommen, da ist es völlig leer. Nur ein einzelner Gärtner zieht die Linien im Sandgarten nach.” Sie erschauerte mit einem Mal und wusste nicht warum. Und sie hatte alle Lust verloren, diesen Menschen der Staatsgewalt zu übergeben. “Kommen Sie oft hierher?”, wagte sie es schließlich, das Wort an ihn zu richten. Er aber schwieg nur, und als sie nach etlichen Minuten endlich den Mut hatte, sich umzudrehen und ihm in die Augen zu blicken – da war er verschwunden.

Andreas fühlte sich ganz plötzlich ganz einsam. Warum gab es eigentlich niemanden, der ihn verstand? Außer seiner Mutter natürlich. Ja, er würde der jungen Frau unten im Haus (N. Müller?) einen Brief schreiben! Er würde über das Missverständnis neulich im Hof sprechen. Und über den Frühling, über die japanische Zierkirsche hinter ihrem Haus, über all die Blüten und Bienen … Was ihn wieder an seinen Heuschnupfen erinnerte und an seine Tropfen. Er ging ins Bad. Rote Augen, rote Nase. Mist.

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Andreas 25

10. April 2007 um 22:48 Uhr

Allmählich störte ihn die Vorstellung, dass eine Horde von Polizeibeamten seine japanisch-deutsche Schöpfung jagen und stellen sollte. Wieso eigentlich? Zugegeben, Kommissarin Nina war schon ordentlich sexy, da gönnte man ihr auch mal Erfolg im Beruf. Aber die anderen, die Dumpfbacken? Die verstanden doch gar nicht, worum es in Wirklichkeit ging! Um die heilige Rache am Bösen schlechthin!
In diesem Moment hätte Andreas seinen Traum am liebsten aufgegeben und die Sache mit dem Krimi ad acta gelegt. Überhaupt: Ein solider Arztroman mit Liebe und Schmalz, Schwarz und Weiß – wäre das nicht viel sinnvoller? Aber nein, er war der Idee schon zu sehr verbunden. An diesem Dienstag war er sogar extra in die Amerikanische Gedenkbibliothek gegangen, um sich über Japan kundig zu machen. Auch mit einem Dozenten der Japanologie hatte er schon telefoniert und einen Termin ausgemacht. Ja, gut recherchiert musste schon werden! Aber was würde mit seinem Mörder-Helden passieren?

Nina spürte, dass jemand hinter ihr stand, doch drehte sie sich nicht um. Denn sie wollte ihn nicht verlieren, diesen einzigartigen Moment der Verbundenheit. Sie stand im japanischen Wald der Geborgenheit, und dort hatte sie ihn auch erwartet. Würde er es wagen, mit ihr zu sprechen, womöglich seine Taten zu gestehen?

Hm. Wie stellte er, Andreas, es an, dass sich ein grimmiger Held mit Mordgewohnheiten einer flippigen Kommissarin annäherte? Darüber würde er noch eine Weile nachdenken müssen – erst einmal gönnte er sich einen seltenen Döner ganz in der Nähe der Bibliothek. Heute sogar: Dürüm Döner mit extra scharfer Soße. Was er dann aber schnell bereute.

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Andreas 24

9. April 2007 um 23:03 Uhr

Nur wenn er mit seinem alten Gegner Go spielte, kam er zur Ruhe. Er konnte dabei auf das Brett starren und Bilder tauchten vor ihm auf; Bilder von Gebieten, die eingekreist werden mussten und Bilder von weißen oder schwarzen Feldern, die ihm schon gehörten. Dabei konnte er endlich nachdenken – was der andere mehr ahnte als wirklich merkte. Denn einen wahren Freund hatte er nicht mehr, seitdem er Japan verlassen hatte.

Andreas putzte sich schnaubend die Nase (Heuschnupfen) und erinnerte sich gleichzeitig daran, dass das in Japan unbedingt verpönt war. Ansonsten beschränkten sich seine Weisheiten eher auf ein markiges “Hai, Toranaga-sama!” und ein zart gesäuseltes “Anjin-san!” aus Shogun. Den Film hatte er nicht nur einmal genossen!
Ja, etwas Exotisches musste rein in sein Werk, das hob das Niveau. Also doch mal zur Uni, sich über Japan kundig machen? Oder einfach Sushi essen gehen? Vor rohem Fisch graute ihm allerdings, und schon die Vorstellung ließ ihn wieder verzweifelt niesen. Kalte Häppchen mit saurem Reis und Meerrettich unter dem rohen Fisch? Igitt. Sollte er sich nicht doch lieber einen mexikanischen Helden ausdenken, der Tacos und Nachos verzehrte? Ein Nachfahre jener sagenumwobenen Azteken, deren Gold … nein. Er wollte bei Japan bleiben.

Andreas 23

um 14:35 Uhr

Ostermontag saß Andreas in der Küche und pellte sich ein Ei: Ja, ein richtiges, hart gekochtes vom Bäcker nebenan. Einmal im Jahr was Verrücktes machen … rosa mit orange gefärbt.
Zeitsprünge. Darüber musste er noch nachdenken: Was einen guten Krimi noch spannend machte, waren plötzliche Zeitsprünge, Überschriften wie “”23. März 1978″, das erhellte die Einblicke des staunenden Lesers ungemein.
Wo war er eigentlich 1978? Da war er elf Jahre alt gewesen. Ostereier wurden also noch gesucht, wenn auch schon etwas verschämt und mehr, um den gerührt lächelnden Eltern eine Freude zu machen. 1978. Waren da nicht schon all die schlimmen Terroristen gefasst und hinter Schloss und Gittern? Stimmt, als er zehn war, da sprachen die Leute von nichts anderem, und auf einmal war der Spuk vorbei. Komisch.

3. März 1981. Japan. (Ach ja, den Ort musste man auch immer dahinter schreiben. Erleichterte die Zeitreise.) Er war gerade zehn geworden und stolz, heute, am Knabentag, das Geschenk seines Meisters entgegen zu nehmen. Er durfte seinen Festtagskimono tragen, obwohl seine Eltern sich immer etwas darüber amüsierten. Sie verstanden ihn einfach nicht! “Du bist einfach kein Japaner, Enno, daran musst du dich doch gewöhnt haben!” Aber er würde sich nie daran gewöhnen, nein, tief in seinem Inneren war er japanischer als all die schwarzhaarigen Söhne Nippons um ihn herum!

Puh, schwarzhaarige Söhne Nippons? Klang gar nicht gut, Andreas strich das wieder. Schlitzaugen? Unmöglich. Nachkommen der Samurai? Nein, das betraf ja nur wenige. Zum Überlegen nahm er sich lieber noch ein Schokoladenei, mit Whiskyfüllung. Einmal im Jahr …

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Andreas 22

7. April 2007 um 11:31 Uhr

Ede Mielke genoss sein schmutziges Hobby. Er liebte es, dort im dunklen Park zu stehen und sie zu beobachten und auf die Richtige zu warten. Was mussten diese Frauen auch durch die Hasenheide gehen, um diese Zeit? Die wollten es doch nicht anders. Seine Taktik war dann immer die gleiche. Er folgte ihnen in einigem Abstand, bis sich eine günstige Gelegenheit ergab. Packte sie dann von hinten und presste sie an sich, wobei eine Hand immer gleich ihren Mund verschließen musste, die Kreischerei wollte man ja schließlich nicht antun. Die andere Hand befühlte schon zu diesem Zeitpunkt, wie lohnenswert der weitere Angriff war, und meist grunzte er schon jetzt lustvoll auf. Dann schleifte er sie ins Gebüsch, hielt sein Opfer fest und tat, was er sich zuvor genüsslich ausgemalt hatte. So war das auch an diesem Abend geplant. Lautlos, so dachte er zumindest, bewegte er seinen verschwitzten, fünfzigjährigen Körper durch den Park und hielt Ausschau. Doch heute wurde er das seltsame Gefühl nicht los, selbst beobachtet zu werden. Wie das? War da womöglich ein Weib hinter seinem kräftigen Körper her? Wäre doch irgendwie verständlich! Ungefähr dies waren die letzten Gedanken von Eduard Mielke. Das Schwert traf ihn blitzschnell, und es war mehr Überraschung als Schmerz, was ihn erstarren ließ.
Der Mann in Schwarz wischte seine japanische Waffe mit einem weichen Tuch ab, bevor er sie wieder verstaute. Eine weitere gute Tat.

Eigentlich, so dachte Andreas, müsste es für jeden Menschen die typische Mordart geben. Da waren die weiblichen Giftmörderinnen, die den Tod sanft reichen wollten wie ihre Weihnachtsplätzchen, ohne das Opfer berühren zu müssen. Oder der männliche Schießer, der sein tödliches Geschoss in den Gegner schleuderte und dessen Zusammensacken noch genoss. Ein Schwert- oder Messermörder wollte die Verlängerung seines Arms, er wollte strafen! Dann gab es die feinen Haushaltsmörder, die mit geschickten Installationen jeden Verdacht von sich ablenkten und ihre Morde als Unfall aussehen ließen. Hatte er da nicht einmal einen sehr humorigen Film gesehen, ja, mit Korff war das gewesen, ein gequälter Mieter befreite sich da von lästigen Nachbarn. Wunderbar. Und er, Andreas? Was für ein Mörder wäre er, wenn es darauf ankäme?
An diesem freien Samstag zwischen Karfreitag und Ostersonntag verbrachte er noch einige zufriedene Stunden im Bett. Er hatte sich schon ein Blätterkrokantei aus der Küche geholt – “Aber Andilein, doch nicht vor Ostern!”, hätte seine Mutter mit vorwurfsvollem Stirnrunzeln gesagt, und er hätte das Ei womöglich wieder zurückgelegt, verlegen errötend. Aber er war ja frei! Dort aus dem Pflegeheim konnte sie ihn nicht mehr erreichen.
Und seine spezielle Mordmethode? Oh ja, der Mord musste als solcher erkennbar sein, aber die Polizei in eine völlig falsche Richtung führen! Und ganz wichtig: Er durfte nicht gesehen werden. Er durfte keine Spuren hinterlassen. Und es durfte kein Motiv geben, das zu ihm führen konnte! Vergnüglich stopfte er sich die Kissen zurecht und freute sich über die strahlende Aprilsonne draußen.

Aprilblüten

um 10:49 Uhr

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Andreas 21

6. April 2007 um 19:56 Uhr

Wenn es Nacht wurde über Berlin, dann war es seine Zeit. Er wanderte in seinem langen Gewand durch die Straßen und hielt Ausschau. Nach wem? Nach dem, der in seinen Augen die Strafe verdiente. Denn er wollte die Welt rein machen von Sünde, und so musste er zum Bösen greifen, um das Böse zu bekämpfen. An jenem Abend war es die Hasenheide, die er durchstreifte. Die leise seufzenden Pärchen beachtete er nicht und auch die Gestalten mit ihren Drogenpäckchen im Gebüsch kümmerten ihn heute wenig. Ihm stand eine ganz andere Sünde vor Augen. Seine Hand schloss sich fester um den Griff des alten japanischen Schwerts, das er schon so lange besaß. War es das, was sich einst sein Sensei gewünscht hatte?

Andreas dachte über die letzten Worte nach. Was brachte einen eigentlich dazu, sich zum einsamen Rächer aufzuschwingen? Welche der ganzen Fiesigkeiten um ihn herum waren für so einen tolerabel, welche nicht? Ihm selbst ging ja weiß Gott viel auf den Keks. Hunger. Er würde sich heute zur Feier des Karfreitags eine dieser Fertigsuppen machen, mit “extra viel Gemüse” und wenig Fett. Versprach jedenfalls die Packung. Er nahm sich eine Schere aus der Schublade und betrachtete sie plötzlich, als sei es das erste Mal. Wie war das eigentlich, wenn man jemanden tötete? Wie fühlte sich das an? Musste ein ordentlicher Schreiberling nicht alles testen, bevor er es hinschrieb?
Verwirrt über seine Gedanken schüttelte er den Kopf und das Suppenpulver in den Topf.

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Amdreas 20

um 14:44 Uhr

Als er durchs Küchenfenster die triste, graue Wolkendecke betrachtete, wusste Andreas: Ja, so hatte ein Karfreitag auszusehen. Mit gesenktem Kopf und fleischlos musste dieser Tag begangen werden! Aber die Menschen vergaßen ja leider die guten alten Traditionen.
Ob die türkischen Nachbarn schon den Einkaufswagen entdeckt hatten? Er stellte sich vor, wie sie ihm vor der Tür auflauern und zur Rede stellen würden. “Hey Alter, lass die Spielchen mit dem Einkaufswagen!” Er würde sie dann aber ganz energisch auf eventuelle juristische Konsequenzen hinweisen! Als Kind hatte er sich in solchen Situationen vorgestellt, Old Shatterhand zu sein und gegen die Bösen zu kämpfen. Oh ja, das konnte er noch heute, sich eine blonde (aschfarbene) Strähne aus dem Gesicht streichen und seinem Freund Winnetou ins Gesicht blicken. Wobei der Freund natürlich fehlte. Aber er würde es diesen Rabauken auf jeden Fall zeigen! Vorerst aber begnügte er sich damit, den heiligen Karfreitag mit einem alten Winnetou-Film zu versüßen. Auch die kleine Schwester vom Häuptling der Apachen war ja so süß, so anständig … Da könnte sich die von unten eine Scheibe abschneiden. Gestern hatte die Besuch bekommen, gleich zwei nicht sonderlich alte Männer. Gelächter und Musik hatte er auch mitbekommen. War sowas denn nötig?

Der jungen Kommissarin Nina jagte nichts so schnell Angst ein, aber als sie an jenem strahlenden Ostertag aus dem Haus trat, musste sie doch ganz schön schlucken: Über fünfzehn finstere Gestalten auf Motorrädern hatten sich vor ihrer Haustür versammelt und starrten sie nun wütend an. “Wasn los?”, gab sie sich betont gelassen. “Ist euch das Benzin ausgegangen?” “Das weißt du ganz gut”, knurrte der Anführer der Motorradgang. “Gib uns zurück, was du uns gestern geklaut hast!” Doch so leicht ließ sie sich nicht beeindrucken. “Geklaut nennst du das?”, flötete sie. “Ich habe Material sichergestellt, mit dem sich die Polizei noch zu befassen hat!” Und damit schwang sie sich anmutig auf ihr Rad und schlängelte sich blitzschnell an den klobigen Zweirädern vorbei. Und weg war sie, die zwei Kilo weißen Stoffes in der Satteltasche.

Nur, was sollte das mit dem Samurai zu tun haben? Andreas war sich da noch unschlüssig, erinnerte sich aber rechtzeitig: Eine weitere Zutat zu einem erfolgreichen Krimi war das Unverständliche. Immer wieder wahllos eingesträut, hob es immens das Niveau des Werks: Dinge und Situationen, die zunächst überhaupt keinen Sinn ergaben, später aber zur Auflösung des Falls beitrugen! Außerdem musste man sowieso ständig am Charakter der Hauptperson arbeiten.
Zufrieden legte Andreas das Fernsehprogramm beiseite und zappte sich zu “Ben Hur” weiter. Auch schon eine Weile nicht mehr gesehen.

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