Echt oder nicht echt?

31. August 2008 um 22:45 Uhr

Die Silbersteinstraße ist keine schöne Straße. Heute, so gegen eins, fand ich es allerdings faszinierend, einem jungen Mann zuzusehen, wie er die Pistole auf jemanden richtete und dann weglief zu meinem Gemüsehändler. Eine alte Frau, die gerade die Straße überquert hatte, wäre fast von ihm über den Haufen gerannt worden. Ich sage launig zu meiner türkischen Nachbarin, dass doch mal endlich was los ist hier und sie grinst zustimmend.
Dann ruft der Regisseur „So, wir machen jetzt Mittagspause“, und die Vorführung ist erstmal vorbei. Schade.

Heute Abend gegen acht stehen an derselben Stelle ein Krankenwagen und ein Polizeiwagen. Ich denke erst: Ach, drehen die immer noch? Aber nein, jetzt ist es ernst. Die Straße ist leer, keiner kuckt mehr, und was da passiert ist, weiß ich nicht. Man könnte meinen, mit der Sonne ist auch der ganze Tagesspaß verschwunden und eine andere Welt taucht auf. So fühle ich mich dann auch wenig später in der U7. Gruslig.

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Und dann wird das Messer gezückt

26. August 2008 um 21:17 Uhr

Es ist voll in der U7, und ich presse noch einen Riesensack Heu (für die Schweinchen) an mich, als er einsteigt und seine sperrige Sporttasche auf den Boden stellt. Menschen stolpern darüber. Er entschuldigt sich sanft. Endlich kann er sich mir gegenüber hinsetzen und die Tasche unter den Beinen verstauen. Ein junger Mann, wohl Deutscher, kleiner Oberlippenbart (wer trägt denn noch so was?)
Er hält den Blick gesenkt. Alle sind müde, es ist gegen fünf Uhr nachmittags. Er nimmt ein kleines Paket hervor, etwas ist in braunes Packpapier geschlagen. Was wird er jetzt tun? Jeder starrt bemüht gleichgültig geradeaus. Auch ich beobachte ihn nur unauffällig. Seine Hände gleiten über das längliche Paket. Er scheint sich über einen Einkauf zu freuen. Ein Gummiband wird abgezogen. Das Papier vorsichtig aufgerollt. Dann nimmt er das erste Messer hervor, es ist ein kleines, leicht gebogenes, sicher praktisch fürs Gemüse. Er prüft es mit dem Daumen und scheint zufrieden. Als nächstes kommt ein größeres Messer dran, stark, effektiv, auch Fleisch kann es bestimmt gut kleinschneiden. Die Frau, die neben ihm steht, wirkt plötzlich starrer, irgendwie verkrampft. Sein Banknachbar, ein ältlicher Ausländer, sackt etwas in sich zusammen. Der Daumen gleitet wieder über die Klinge und ich stelle mir Blut vor. Er lächelt.
Die Messer werden wieder eingepackt. Hermannplatz: Er steigt aus.
Wie jetzt. Das wars? Ja. Keine Metzelei in der U-Bahn. Wir können wieder aufatmen. Noch einmal davongekommen.

Alles, was wir geben mussten

22. August 2008 um 9:37 Uhr

Ein Buch, das mich nicht loslässt. Wie würden sich Menschen fühlen, denen gesagt wird, dass sie Klone sind, die dazu geschaffen sind, später ihre Organe zu spenden? Die schlimme Erkenntnis: Sie finden es normal. Sie wachsen mit diesem Gedanken auf, gehen auf eine besondere Schule mit ihresgleichen, leben in ihrer Parallelwelt und sind eines Tages bereit für die Spende.

Was mich beim Lesen gequält hat:
Warum sagt keiner NEIN? Warum gehen sie nicht weg?
Unbedingt empfehlenswert, wenn auch verstörend:
„Alles, was wir geben mussten“ von Kazuo Ishiguro.
Nach dieser Lektüre sehe ich die Welt mit etwas anderen Augen.
Und das ist doch schon was, oder?

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