Süßes und ein wenig Saures

31. Oktober 2007 um 22:13 Uhr

Also drüben in Amiland, da ist dann ja richtig was los auf den Straßen und an den Türen und die Leute halten tonnenweise Süßigkeiten bereit, um sich die Jugend vom Hals zu schaffen. Hier in Neukölln ist davon nichts zu spüren und es hat überhaupt niemand an der Tür geklingelt. Letztes Jahr haben wir dann alle Süßigkeiten selbst gefuttert, dieses Jahr haben wir erst gar nix gekauft. Aber wir haben uns heute Abend ins benachbarte Kreuzberg gewagt! Und da war die Jugend durchaus unterwegs und erfolgreich. Während Mütter gemütlich in den Häusern schnacken, ziehen kleine harmlos maskierte Grüppchen los und lernen neue Menschen kennen. Mein Spruch „Und nehmt ja keine Süßigkeiten von Fremden!“ fand nur mäßigen Applaus. (Ich fands ja lustig.) Und sie nahmen Süßkram von Fremden! Manche der Heimgesuchten entschuldigten sich ja, sie hätten nichts Süßes. Einer rückte zwei Euro raus, ein anderer eine Röhre mit Vitaminbrausetabletten. Hm. Ein finsterer Typ im Boxerhemd riss energisch die Tür auf und wollte grimmig wissen, was die Kinder wollten. „Süßes oder es gibt Saures“ kam die schüchterne Antwort, worauf er gerührt grinste und seine Süßvorräte plünderte. Nicht schlecht! Die Schachtel mit den alkoholgefüllten Trüffelpralinen habe ich inzwischen bekommen. So kann ich mich denn nicht über neumodische amerikanische Gepflogenheiten in deutschen Landen beschweren!

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Weichei

28. Oktober 2007 um 15:13 Uhr

Als er fünf war, erstarrte er, als ihm die bösen Jungs Schnee in den Kragen stopften. Dann brach er in Tränen aus und lief zur Mutter, die nur lächelnd den Kopf schüttelte. Ihm dann die Jacke auszog und ihn tröstete. Böse, böse Buben, die. Der Vater rümpfte die Nase und brummte „Weichei“.

Mit zehn wusste er genau, was er zum Lehrer sagen musste, damit seine Feinde ihre Strafe bekamen. Sein sanftes Gesicht ließ sämtliche Tanten und Großmütter dahinschmelzen – die bösen Buben aber merkten sich alles.

Zu seinem 15. Geburtstag schenkte ihm Lisa-Mareen ein Buch, das er nicht verstand. Ihre Hand auf der seinen verstand er auch nicht und ihre sehnsüchtigen Blicke; in jener Zeit verbrachte er wieder mehr Zeit in Mutterns Küche.

Das Treiben an der Uni fand er abstoßend. Nur gut, dass seine Jura-Kommilitonen nicht alle so schlimm drauf waren wie der Rest der Studenten. Die bösen Jungs hockten in anderen Fächern und diskutierten über die Entmachtung des Systems. Mit 26 hatte er sein Diplom mit Auszeichnung in der Tasche und dazu den Stolz des Vaters. Da lächelte er.

Mit dreißig dachte er ernsthaft über eine Ehe mit Sabine nach, aber dann wurde nichts draus. Auch seiner Mutter war sie verdächtig vorgekommen. Die Festnahme auf einer Demo gab ihm dann Recht. Kollegen nannten ihn übrigens „Kofferträger“, aber das störte ihn nicht. Er wusste, dass er auf dem richtigen Weg war. Nach oben nämlich.

Als er 39 war, konnte er zufrieden seine zwei Kinderchen und Charlotte betrachten, die das Häuschen in seinem Sinne pflegte. Seinen Sohn wollte er männlich erziehen. Er brüllte ihn an, als der mit Schnee im Anorak nach Hause kam. „Verdammtes Weichei“, dachte er nur.

Schon mit 42 war er in der Partei dort, wohin er sich einst mit fünfzig geträumt hatte. Das Händeschütteln des ersten Mannes sollte er nie vergessen. Den Blick von Rosa allerdings sehr schnell – für weibliche Aufdringlichkeit hatte er nach wie vor nichts übrig. Ihren Brief zerriss er. „Rosa? Wer soll das sein?“, würde er später denken.

„Stärke und den Blick fürs Wesentliche“ versprach sein Wahlspruch, als er mit 51 stolz in die Kameras blickte und sich zum höchsten Amt gratulieren ließ. Seine Frau Charlotte stand neben ihm und strahlte in an, auch Tochter Sofia wirkte sehr fotogen. Nur Sohn Oliver blieb zum Entzug in der Klinik; ein Fakt, der den Journalisten entgangen war. Das hätte den bösen Buben bei den Zeitungen gefallen.

Die Meute bekam dann doch noch ihr Fressen, als sein Sohn vor laufenden Kameras aufkreuzte, eine Pistole hervorzog und den Vater niederschoss. „Selber Weichei“, murmelte er nur wirr, als die Polizei ihn mitnahm. Das Haus wurde dann später verkauft und Charlotte heiratete einen Architekten in Bonn. Aber das ist dann wieder eine andere Geschichte und Weicheier gabs da nicht mehr. Höchstens ein paar böse Buben.

Ausflug ins Schwabenland

23. Oktober 2007 um 23:05 Uhr

Wenn ein Berliner Schulkind Herbstferien hat, muss man nicht unbedingt in der Großstadt weilen – nö, man könnte sich ja auch mal aufs Land wagen! Zum Beispiel aufs schwäbische. Da kriegt man wieder ganz andere Eindrücke als in Neukölln, is doch auch mal was. Schon im Zug gehts los: Je weiter südlich wir reisen, desto behäbiger wirds. So findet es der ältere Herr mit dem eleganten Stuttgarter Schwäbisch auch ganz selbstverständlich, dass er (als Einziger) seinen Koffer im Gang abstellt und seinen Mantel an den Haken weit weg von sich hängt, Hauptsache Haken. Sodass nun fremde Leute seinen Mantelmief inhalieren dürfen. Reizend. Er quittiert es mit einem Achselzucken und einem gegrinsten „Gehtnichtanders“.
Nach weiteren ziemlich unangenehmen belauschten Zuggesprächen sind wir endlich angekommen. Und bevor ich noch weiter meckere, muss ich mal ganz heftig die traumhafte Sonne, die sommerlichen Temperaturen und die grünen Hügel loben! Doch, die Natur da hat schon was. Und auch als es im Laufe der Woche herbstlicher wird und wir über Felder rasen, um den kleinen Flieger zum Fliegen zu bringen, bin ich absolut zufrieden. Nur mit dem zwischenmenschlichen Aspekt hapert es manchmal, ist man in Berlin doch einfach cooler. Da sitze ich zum Beispiel im Wartezimmer eines einheimischen Hausarztes und kriege kaum Luft. Nein, keine gesundheitlichen Probleme, ich habe ja nur die ältere Generation begleitet. Aber dieser selbstzufriedene Typ im Anzug hat sich so mit Rasierwasser eingedieselt, dass der Raum davon vollhängt. Nä, uncool. Der begrüßt die Neuankömmlinge auch mit einem unpassenden „Guten Tag“, wo wir doch im Grüß-Gott-Land sind!
Ich dagegen habe schon im Zug den Schaffner freudig landesüblich begrüßt. Tja, gewusst wie! Aber immer schaffe ich es doch nicht, die richtigen Worte zu finden. Beim Bäcker verlange ich glatt einen Pfannkuchen, und erst nach Nachfragen der Verkäuferin gebe ich zu, dass ich einen Berliner will. Wie konnte das denn passieren! Auch das Laugenbrötchen wird von ihr schnell in ein Laugenwecken verwandelt und ich bins zufrieden. Schmeckt ja auch besser als anderswo.
Dass die Leute langsamer und oft auch freundlicher sind als hier in der Hauptstadt, ist manchmal ja auch ganz nett.
Da war zum Beispiel die Sprechstundenhilfe, die mich anstrahlte und fragte, wann es denn bei mir soweit sei! Ich habe dann bestürzt gedacht, dass ich vielleicht doch weniger Pralinen essen und nicht so weite Sweatshirts bevorzugen sollte …
Das Schlimmste im Schnäppchenparadies Nummer eins sind übrigens die Schnäppchenjäger. Vielleicht sollte ich dazu erklären, dass mein Heimatstädtchen am Rande nett und grün und angenehm ist. Im Zentrum aber hat sich in den letzten Jahrzehnten der Irrsinn ausgebreitet und ständig kommen neue namhafte Outlets hinzu, was immer das nun eigentlich sei. Horden von tütentragenden Chinesen, Italienern, München und Hamburgern überfluten die Straßen und haben dann so geistreiche Gespräche wie „Mensch du, bei XY waren wir ja noch nicht drin!“, wobei sie die Taschen schon gar nicht mehr überblicken können! Grauslig. Vor allem die Unsummen, die da mal eben rausgehauen werden. Und die Gesichter und die Oberflächlichkeit.
Ich gönne mir für acht Euro einen Pyjama. Ätsch. Ein Lob auf die schwäbische Sparsamkeit!
Und sonst? Sehr zu empfehlen das Brot, auch der Käse vom Markt und der Schnaps vom Bauern. Entsetzlich der Verkehr, jeder düst ständig überall mit dem Auto hin, Fußgänger sind verdächtig!

Als wir zur Heimreise wieder im Zug sitzen, sucht ein altes Weiblein vergeblich ihren Sitzplatz. Ist auch schwierig, wenn man nur auf der einen Seite des Wagens nachsieht. Schließlich erbarmen sich ein paar junge Männer nichtschwäbischer Herkunft und helfen ihr. Anschließend machen sie sich über die in ihren Augen mangelnde Intelligenz der Schwaben lustig. Hm. Daran merke ich, dass wir das Ländle wieder verlassen und uns in die frechschnauzige Welt zurückbewegen. Inzwischen wieder im grauen Neukölln vermisse ich dann doch etwas die süddeutsche Lieblichkeit. Man kann eben nicht alles haben!

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nett und nicht so nett

9. Oktober 2007 um 19:47 Uhr

Vielleicht liegt es ja am Herbst und den ganzen Viren, die so durch die Luft schwirren, dass die Leute jetzt wieder finstrer dreinblicken als noch vor wenigen Wochen. Es wird wieder gehustet und gemeckert und geschnorrt und gestritten … Ich sammle wie immer meine Eindrücke und merke (ach was?), dass es erfreuliche und weniger erfreuliche gibt. Die würde ich gerne so stückchenweise servieren.

Nett finde ich zum Beispiel, wenn ein Busfahrer noch vorne an der Ampel die Tür öffnet, um einen späten Fahrgast einzulassen. Das passiert total selten und ist denen sicher untersagt! Also danke, lieber unbekannter Busfahrer. Das ist menschenfreundlich. Nur schade irgendwie, dass es sich der Fahrgast dann nochmal anders überlegte, weil er in der Eile nicht bemerkt hatte, dass das gar nicht sein Bus war …

Nicht so nett finde ich es, wenn einer sich in der S-Bahn so an die mittlere Haltestange schmiegt, dass sich sonst keiner mehr daran festhalten kann. Wohin soll ich denn meine Hand schieben? In seinen Rücken? Unter seine Haare? An seinen Hintern? Igitt, nee danke.

Überhaupt nicht nett finde ich, wenn jemand so ungewaschen stinkt, dass ich (wie heute Nachmittag) kaum atmen kann am Postschalter, als der schmierige Typ mit den fettigen Haaren schon längst wieder weg ist. Eklig. Und der sah nicht so aus, als hätte er unter der Brücke genächtigt!

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Laubgebläse? Nein danke!!

6. Oktober 2007 um 19:56 Uhr

Ich weiß ja, ein bisschen philosophische Gelassenheit tut sicher gut, vor allem zu Beginn des Wochenendes. Außerdem geht es ja um deutsche Straßenreinlichkeit, da sollte ich mich der Tradition beugen und auf den Anblick des Herbstlaubs gnädig verzichten … aber! Aber, verdammt noch mal, ich hasse es, wenn ich Samstagmorgen noch vor acht Uhr von diesem gellenden, brüllenden Blasgeräusch dieser widerlichen Maschinen, die die orangen Männer der Stadt jetzt auf ihrem Rücken tragen, aus meinen Träumereien gerissen werde! Ich hasse es!!! Und wenn ich die Verantwortlichen eines Tages zu fassen kriege, dann wehe … es ist ja nicht das erste Mal. Früher, ja da hörte man noch ein zartes Besenscharren und stellte sich dabei vielleicht einen bunten Blätterberg oder einen nachdenklichen Straßenkehrer wie Beppo vor. Heute ist es ein grauenvolles Laubgebläseteil, das alle Blätter runter vom Gehweg pustet, auf die Straße etwa, oder unter parkende Autos. Die Dinger sind so laut, dass der Lärm mir richtiggehend körperliche Schmerzen bereitet und ihre Träger kommen mir wie orange bösartige Monster vor. Und es ist so sinnlos! Schafft sie ab! Schmeißt sie weg, diese Maschinen!
Dann kann ich vielleicht auch wieder etwas Herbstlaub auf meiner noch bebaumten Straße bestaunen.

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Am 4. Oktober: Schweigen für Burma

3. Oktober 2007 um 19:28 Uhr

Drum stelle ich dieses Bild schon heute rein,
morgen will ich ja schweigen. Ausnahmsweise.


Free Burma!

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