Von Ute Lehr und anderen dubiosen Scheingestalten

Montag, 07. Januar 2019 18:26

Es gibt Kettenbriefe, die nerven nur. Unpersönlich gemacht, aber persönlich verschickt an Weihnachten, Valentinstag und ähnlichen Anlässen. So spart sich der Versender schon die Arbeit, sich eigene Gedanken zu machen, und bildet sich trotzdem ein, etwas Edles, Süßes, Originelles oder Tolles verschickt zu haben. Nicht nett.

Und dann gibt es die bösen Kettenbriefe. Manche transportieren sogar einen Virus. Manche bringen „nur“ Verunsicherung und Angst. Hüte dich vor Ute Lehr! Pass auf! Dein Adressbuch wird zerfressen und zerstört und zerhackt! Dass das alles technisch nicht möglich ist, interessiert nicht. Die Warnungen werden weitergeleitet und verbreitet und vervielfacht, weil sich so viele Menschen keine Gedanken machen. Es ist ja auch so einfach – klick und weiter. Schon hat es die gute Freundin, die man ja so gerne warnen möchte. Und schon ist wieder ein bisschen Angst und Verwirrung und Unmut mehr in dieser Welt. Muss das denn sein? Könntet ihr bitte alle erst einmal nachdenken, bevor ihr einen Kettenbrief, der ja leicht zu erkennen ist, weiterleitet?

Die Menschen, die sich am Anfang solche Texte ausgedacht haben, hatten Lust darauf, die Welt in Angst und Schrecken zu versetzen. Sie fühlen sich mächtig über Millionen, wenn sie sich ausmalen, wie oft ihr Text weitergegeben werden kann. Dafür muss der Text natürlich schön fies sein und am besten mit üblen Konsequenzen drohen, sollte die Warnung ignoriert werden. Wenn dann jeder, der einen Kettenbrief erhält, nur drei wieder verschickt … Nicht auszudenken. Wann ist die Welt dann komplett zugemüllt, verängstigt, in Panik? Eine Frage an schlaue Mathematiker und Psychologen.

Gut, dass es noch Leute gibt, die solche Nachrichten einfach löschen und die Versender darauf hinweisen: Bitte keine Kettenbriefe weiterleiten!

Ein ganz normaler Tag in Metzingen

Dienstag, 16. Oktober 2018 19:47

5.30 Uhr. Sein Wecker klingelt. Es ist dunkel und kalt. Er hat absolut keine Lust aufzustehen. Aber es muss sein.

6.30 Uhr. Ihr Wecker klingelt. Sie dreht sich nochmal ganz kurz auf die andere Seite, nur zehn Minuten. Muss sein.

Um die Zeit fängt er schon an zu arbeiten.  Er schaltet einen Ofen ein, setzt sich an seinen Arbeitsplatz und nimmt das nächste Teil in die Hand. Eigentlich müsste das schon längst fertig sein, der Kunde wartet.

Um halb acht sieht sie dem Hund auf der Streuobstwiese zu. Die Sonne steht schon überm Florian.

Seine Kollegen trudeln ein. Viele grußlos. Eine flucht. Es wird lauter. Geräte und Radios werden eingeschaltet.

Sie frühstückt noch und hört dabei auch Radio, bevor sie sich so um acht auf den Weg macht. Sieben Minuten mit dem Fahrrad – da ist noch genug Zeit für ein paar Kopien. Halb neun steht sie vor der Klasse.

9.00 Uhr. Bei ihm im Labor ist es inzwischen richtig laut geworden. Geräte rotieren, verschiedene Radios dudeln. Durch die Öfen ist es heiß, Chemikalien stinken, gesund ist das nicht. Ein Kittel soll gegen gefährliche Spritzer helfen. Sauber ist es auch nicht.

Sie verteilt derweil Papierstreifen mit kleinen Texten, die die Teilnehmer zu Dialogen ordnen müssen. Sie haben viel Spaß dabei. Auch kroatische, italienische und rumänische Wortfetzen fliegen durchs Klassenzimmer. Das ist okay. Die meisten sind zwischen zwanzig und dreißig und voller Hoffnung.

Um zehn macht die Klasse Pause. Alle freuen sich über Kaffee, einen Apfel oder eine schwäbische Bretzel … Eine junge Syrerin hat gebacken und bietet gefüllte Pfannkuchen an.

Er poliert um zehn ein Werkzeug an der Schleifmaschine. Kleine Metallspäne fliegen durch die Luft. Zwischendurch beißt er kurz von seinem Brot ab.

Elf Uhr. Sie zeigt Bilder von regionalen Spezialitäten auf einer Deutschlandkarte. Die Teilnehmer lernen etwas über Spätzle und Maultaschen und erzählen lautstark von Ravioli, Pelmeni und Manti. Dann hören sie eine Hörübung von der CD und kreuzen Antworten auf einem Blatt an. Vorbereitung für die nächste Prüfung. Jetzt sind alle ganz still.

Er versucht an einer bestimmten Sache zu bleiben. Unmöglich  –  ein Anruf kommt, das benötigte Teil ist noch nicht fertig. Der Druck wird größer.

Viertel vor zwölf. Die Klasse geht nach Hause, Hausaufgaben müssen sie natürlich auch noch machen. Heute: Eine Reklamation schreiben. Sehr geehrte Damen und Herren, ich habe bei Ihnen …

Bei ihm im Labor klingelt schon wieder das Telefon, eine unfreundliche Reklamation. Dabei hat er mit diesem Fehler nichts zu tun!

Sie füllt ihre Listen aus, legt eine Entschuldigung ins Fach und zieht noch schnell eine Kopie für den nächsten Tag. Es ist zwölf. Schnell nach Hause. Mittagessen machen.

Viertel nach zwölf ist auch er zu Hause. Um halb wird gegessen. Beide sind müde.

Er muss dann wieder los. Einige Kollegen sind jetzt schon weg – es wird etwas ruhiger im Labor.

Sie darf jetzt verschnaufen und freut sich auf den Krimi aus Schweden. Der Hund freut sich über ihre Gesellschaft.

15.00 Uhr. Er überprüft zwischen zwei anspruchsvollen Arbeiten das Material und bestellt etwas nach. Die Luft ist schlecht.

Sie genießt um halb vier die Luft draußen bei den Obstwiesen. Hund zufrieden. Frauchen zufrieden. Auf einer Bank denkt sie über ein Problem mit den Relativsätzen nach.

Er fährt um vier eine Arbeit aus. Der Kunde wartet schon ungeduldig.

Sie sitzt um fünf schon wieder am Computer und bastelt ein Quiz für Relativsätze. Wie heißt die Frau, die Kanzlerin in Deutschland ist? Sie wird am nächsten Tag Teams bilden. Gewinnen wollen sie immer.

Um sechs geht es für sie noch einmal los. Ein Abendkurs mit munteren Albanern und Kroaten. Eine junge Frau von den Philippinen ist auch dabei. Jeder muss heute mit einer Aufgabe durchs Klassenzimmer laufen und die Antwort bei anderen Teilnehmern finden. Es wird viel gelacht und sie vergessen ihre Müdigkeit.

Im Labor sind nur noch wenige. Aber eine wichtige Sache liegt noch auf dem Tisch. Eine schwierige Arbeit, die Können und Konzentration erfordert. Wenn ein kleiner Fehler passiert, muss man den ganzen Prozess wiederholen. Hier wird nicht gelacht.

Um neun kommt sie nach Hause, zufrieden mit ihrem Tag. Die Stimmen der Lerner hallen noch eine Weile nach. Sie versinkt auf dem Sofa und freut sich über Doctor Who im Fernsehen. Wieder einmal muss er die Daleks besiegen. Der Hund lässt sich mit einem kleinen Seufzer neben ihr nieder.

Er kommt dann auch nach Hause. Von den Daleks bekommt er nicht viel mit. Noch ein paar Mails checken. Er kann vor Müdigkeit kaum die Schrift erkennen.

Ihr fällt um halb elf noch eine geniale Übung ein. Das wird den Leuten morgen gefallen! Noch mal schnell Computer und Drucker anschalten …

Da schläft er schon längst tief und erschöpft. Er hört nichts mehr.

Sie wirft um elf noch einen letzten Blick in ihr Buch. Der Mord in schwedisch-verschneiter Einöde hilft beim Einschlafen.

Ein ganz normaler Tag in Metzingen 2018.

Sonntagsfreuden

Freitag, 14. September 2018 10:16

Immer und immer am Sonntag, da kommen sie.
Immer wieder am Sonntag kommen sie.
Am Sonntag kommen sie.

Am Sonntag, da kommen die Erinnerungen.
Am Sonntag kommen die Gedanken.
Am Sonntag kommen die Eltern. Aufstehn! Sonntagsfrühstück!

Schwarzer Tee aus der Kanne, wir trinken dich immer,
wir trinken und trinken mit Milch und mit Zucker.
Wir trinken nicht Kaffee, wir trinken Tee, mit Milch, ohne Zucker,
ist besser so.
Die trinken den Schwarztee mit Milch und mit Zucker
und mich fragt keiner. Ich will Kakao!

Immer und immer am Sonntag, da sind wir beisammen.
Wir sitzen beisammen und hassen uns, quälen uns.
Die sitzen zusammen und hassen sich immer
und immer am Sonntag ist es so.

So war das schon damals, so ist es noch heute.
Wie war er denn damals, wie ist er bloß heute.
Wie sind die denn drauf, meine alten Leute.

Ich halt’s nicht mehr aus, ich nehm das Messer.
Ich geh jetzt mal raus, das ist sicher besser.
Ich geh auf mein Zimmer, das hält man nicht aus.

Die Brötchen sind frisch, mit Butter und Honig.
Ein knuspriges Brötchen mit Schinken, ein wenig.
Ein Brötchen mit Nusscreme und eins noch mit Speck.
Gleich bin ich weg.

Immer und immer wieder der Sonntag, so muss er sein.
Immer am Sonntag, da ist es fein.
Sonntag? Familie und Frühstück? Oh nein!

Eichhörnchen

Sonntag, 27. Mai 2018 17:49

Ganz fiese Tiere sind die Eichhörnchen. Sie huschen einem nur an der Nase vorbei, um zu provozieren. Sie rasen blitzschnell am Baumstamm hoch, während anständige Leute sich unten am Baum aufstellen und bellen und ihre Wut rauslassen. Und dann lacht es auch noch von oben! Richtig fies, sag ich da nur. Erwischen lassen sie sich nie. Aber es kommt vor, dass sie anständige Vierbeiner erwischen, in den Nacken beißen, quälen, peinigen!
Wir sind der Meinung, dass Eichhörnchen, diese dreisten rotbraunen Schweifträger, im Wald Kletter- und Springverbot haben sollten, damit sich anständige Wedeltiere in Zukunft nicht mehr so aufregen müssen!

Maikäfer

Freitag, 18. Mai 2018 23:52

Es gibt sie noch! Ende April gab es schon eindeutige Hinweise dafür. Ein brauner Flügel hier, ein halber Käfer dort. Im Mai stand ich vor einer Hecke mit frischen grünen Blättern. Da musste doch irgendwo einer sein. War aber nicht. Bis ich den ersten lebendigen Maikäfer auf der Straße fand. Und da konnte ich endlich testen, ob es sich noch so anfühlte wie früher, wenn ein Maikäfer über die Hand krabbelt und einen ernsthaft ansieht. Tut es. Er hat dann einen schönen Platz im Gebüsch vor der Volkshochschule Metzingen bekommen.
Nein, ich werde nicht mehr Bäume schütteln und die runtergefallenen Käfer in einen Schuhkarton mit Löchern stopfen, mit köstlichen Blättern drin. Die Zeiten sind endgültig vorbei! Aber ich kann immer noch träumen … Maikäfer, los, flieg schon!

Eine Sommergeschichte – Als ich Schönbein auf dem Florian begegnete

Montag, 16. Januar 2017 18:34

(Ausnahmsweise mal bei einer Ausschreibung mitgemacht)

Also eigentlich ist mir das jetzt ein bisschen peinlich. Immer, wenn man mal was Besonderes erlebt, rufen die Leute gleich: Kann nicht sein! So war das nicht! Buh!
Aber ganz ehrlich, diese Geschichte ist mir so passiert, hier in Metzingen, und auch wenn sie ein bisschen schräg ist – das kann schon mal vorkommen im richtigen Leben!
Am 27. August 2016, einem Samstag, da war es so richtig heiß, das wisst ihr bestimmt noch. Das Metzinger Freibad war überfüllt, die Gärten qualmten vom allgemeinen Gegrille und überall rann der Schweiß. Ausgerechnet da musste ich auf die Idee kommen, mal wieder den Florian zu erklimmen! Vielleicht wollte ich ja etwas Entspannung und Ruhe, aber ganz ehrlich, das wäre zu Hause im Wohnzimmer auch gegangen. Also: Stauferweg rauf, an den Obstwiesen vorbei, den Pferden hallo sagen …
Tatsächlich war ich, als ich endlich oben ankam, völlig kaputt und der einzige Mensch weit und breit! Klar, wer tut sich das denn im Hochsommer an? Nach meinem üblichen Rundblick, Jusi da, Achalm dort, Stuttgarter Fernsehturm am Horizont, die Metzinger Friedenskirche weiter vorne, da sank ich also auf die Rundbank unter dem Baum und musste erstmal verschnaufen. Augen zu. Ruhe.
Ich muss ein bisschen eingenickt sein, denn als ich die Augen wieder öffnete, war es dunkler geworden. Und grauer. Sehr seltsam. Der Himmel war nicht mehr blau und das Grüne war nicht mehr grün. Und neben mir saß ein junger Mann. Ziemlich blass, etwas mager, dunkelblonde Haare mit Seitenscheitel, komische Kleidung für das Wetter, aber heutzutage kann man ja alles tragen.
Ich wollte ein bisschen Smalltalk machen und sagte irgendetwas Albernes über das Ozonloch, das heute wohl kein Problem sei bei der Wolkendecke. Der junge Mann wandte sich mir zu, runzelte verwirrt die Stirn und entgegnete: Ozonloch? Was ist denn Ozon?
Na klasse, dachte ich, die Jugend hat aber auch echt keine Ahnung.
Er ging dann nicht weiter darauf ein, sondern fragte mich ganz direkt: Haben Sie auch solchen Hunger? Ich habe Kinder gesehen, die weiden wie Schafe das Gras, und Menschen, die ganz schreckliche Sachen essen …
Na ja, schreckliche Sachen essen schon manche. Aber aus Hunger? Auf dem Weg nach oben hatte ich Unmengen an Äpfeln, Zwetschgen, Mirabellen, Birnen und Brombeeren gesehen – Hunger??? Voller Mitgefühl reichte ich ihm einen Müsliriegel. Er starrte die grüne Plastikverpackung ratlos an.
Vielleicht ein Geflüchteter?
Woher kommst du denn?, fragte ich ihn, während ich ihm den Riegel auspackte und er sich gierig darauf stürzte.
Hier aus Metzingen. Ich bin hier in meinem Elternhaus geboren, Reutlinger Straße 2, meinte er kauend.
Ah, beim Rathaus, gell, meinte ich.
Ich bin in der Nürtinger Straße geboren, im Entbindungsheim!
Das sagte ihm gar nichts.
Na in der Musikschule!
Er sah mich an, als wäre ich völlig übergeschnappt. Wirklich keine Ahnung, der Typ.
Ich blickte wieder über die Landschaft. Irgendetwas fehlte. Eigenartig. Aber wie konnte das sein? Neugreuth war weg. Das Hochhaus war nicht mehr da und keine Friedenskirche in Sicht. Was war da los? Nur die Martinskirche läutete wie immer.
Der Junge schien nichts zu bemerken und erzählte. Er sei schon seit drei Jahren Lehrling in einer pharmazeutischen Fabrik, meinte er, in Böblingen, aber gestern sei sein Heimweh zu groß geworden und er sei einfach nach Hause gelaufen. Sein Vater betreibe eine Färberei hier in Metzingen und habe diese Lehre organisiert. Schrecklich! Jeden Tag von sechs morgens bis sieben abends mit Chemikalien arbeiten, die Holzpantinen seien schon angefressen von dem Zeugs auf dem Boden, durch das er waten müsse …
Ich schüttelte bekümmert den Kopf. Unglaublich, was es heutzutage noch gab. Solche Zustände!
Und immer diese Dunkelheit, keine Sonne Tag und Nacht, und der Hunger – die Leute werden bald alle wahnsinnig!
Er redete weiter. Der ewige Regen, dann Hagel und sogar Schnee im Sommer, Überschwemmungen, die Ernte war völlig zerstört.
Na ja, dachte ich, ich habe ja im Fernsehen etwas von Schlammlawinen, Erdbeben und unglücklichen Menschen gesehen, aber übertreibt er nicht etwas?
In der Schweiz, so hatte er von einem Freund gehört, da hatte eine Engländerin wegen des schrecklichen Wetters ihren Urlaub damit verbracht, eine Geschichte über eine grässliche Kreatur und ihren Schöpfer Frankenstein zu schreiben. Und in Karlsruhe hat ein Mann, weil so viele Pferde wegen der Hungersnot gestorben waren, eine Art Zweirad zur Fortbewegung erfunden …
Jetzt wusste ich, dass er übergeschnappt war! Aber ich wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen, außerdem war es auch interessant, was er so erzählte. Ich fragte ihn vorsichtig ein bisschen aus.
Er sei 16 Jahre alt und interessiere sich für Chemie und Physik, sagte er. Und er sei traurig, weil ein paar seiner Freunde schon ausgewandert waren – einige nach Russland, wo die Ernten nicht so katastrophal waren und Alexander gerufen hatte, einige nach Amerika, wo aber auch Hunger herrschte. Er wollte lieber in Deutschland bleiben.
Nachdenklich nickte ich. Konnte man ja alles gut verstehen. Bloß: Welcher Alexander?
Er fasste langsam Vertrauen und meinte, dass er sich auch für Philosophie interessiere. Man muss die Vorgänge dynamisch betrachten, man muss die Zusammenhänge sehen! Dabei wurde er ganz aufgeregt.
Nun, dachte ich, er mag ja etwas verrückt sein, aber dumm ist der Junge nicht.
Inzwischen näherte sich die Sonne dem Horizont, und Leute, glaubt mir, noch nie habe ich einen so fantastischen Himmel gesehen, rosa, hellblau, Farben wie auf kitschigen Bildern! Das musste ich ihm sagen, und er erzählte gleich von Caspar David Friedrich, der erst vor kurzem einen solchen Himmel festgehalten hatte …
Ja klar, dachte ich.
Und spaßeshalber fragte ich ihn dann: Sag mal, welches Datum haben wir heute?
Na, den 27. August Anno 16, erwiderte er irritiert.
Da konnte ich nicht widersprechen!
1816, ergänzte er da noch, die Leute sagen auch Achtzehnhundertunderfroren!
Ich war sprachlos. Also doch verrückt!
Und wie heißt du? , fragte ich mehr aus Höflichkeit. Verrückte soll man ja möglichst nicht verärgern.
Ich heiße Christian Friedrich Schönbein, antwortete er, aber Sie können gerne Christian zu mir sagen!
Da musste ich dann doch lachen. Schönbein? Wie die Schönbein-Realschule? , fragte ich ihn grinsend.
Er schien das nicht lustig zu finden und erhob sich.
Ich muss noch zurück nach Böblingen, meinte er, hat mich gefreut, ade!
Und weg war er. Ich aber konnte mir keinen Reim daraus machen. Und wieder schloss ich die Augen, nur ganz kurz! Als ich sie wieder öffnete, war der Zauberhimmel weg. Blau und grün und saftig alles um mich herum.
Das habe ich nicht geträumt, ehrlich! Es war Schönbein, der neben mir auf der Bank saß! Ich habe dann noch ein bisschen gegoogelt. Auf den Bildern sah Schönbein im Alter etwas fülliger aus, aber ich konnte ihn erkennen! Bestimmt war er das! Und das Wetter? Ein Vulkan war 1815 in Indonesien ausgebrochen und hatte das Klima der ganzen Welt auf Jahre verändert. Die Getreidepreise stiegen ins Unermessliche. Und was man bekam, war verdorben und die Menschen wurden davon krank.
Als die ersten Ernten wieder eingefahren wurden, gab es ein großes Volksfest in Cannstatt, das seit 1818 alljährlich dort gefeiert wird.
Schönbein ging später seinem Traum nach, studierte und lehrte Chemie und Physik, entdeckte ein Gas, das er Ozon nannte, und erfand noch einiges mehr.
Warum ich aber neben ihm auf dem Florian saß, das habe ich nicht begriffen. Hatte sicher auch mit Chemie oder Physik oder mit der Hitze zu tun …