S-Bahnfahrt mit Kuschelfaktor

Den Berlinern wird ja oft nachgesagt, dass sie eine große Klappe haben und Leute schneller anschnauzen, als das in anderen Landesteilen üblich wäre. Heute aber war ich doch beeindruckt von der Friedfertigkeit meiner Mitmenschen hier! Vielleicht lags ja an der Hitze.

Ringbahn, mal wieder. Auf dem Bahnsteig Bundesplatz drängelten sich schon massig Menschen (17 Uhr), eine Bahn fiel wohl aus, denn es kamen immer noch mehr von unten nach, ohne dass die oben abtransportiert wurden. Endlich doch die Bahn Richtung Neukölln, gen Osten sozusagen. Alles presste sich rein, auch dieser hartnäckige Radfahrer, der nicht die geringste Neigung zeigte, ein Radfahrerabteil zu nehmen, nein, er suchte offensichtlich die kuschlige Nähe eines normalen Wagens. Keiner murrte, keiner (außer mir) runzelte die Stirn. Station um Station kletterten die Leute wacker um das überdimensionale Radl rein und raus, man stand Backe an Backe; Schweißperlen kullerten über Gesichter, glasige Blicke, wohin man sah. Eine nervtötende Jugendliche (strohblond, Unterlippenpiercing, falls ihr sie seht) ließ ununterbrochen ihren Kaugummi zerplatzen, Knall, Päng! Doch alle starrten unbeirrt vor sich hin, höchstens ein kleines, verschrecktes Zucken hier und da. Die nicht mehr ganz taufrische Studentin mir gegenüber klammerte sich an ihrem Lehrbuch „Chinesisch lesen“ fest, hatte aber offensichtlich nicht mehr die Kraft, sich ihre Lektion reinzuziehen. Überall im Gang standen sie, manche mit verweifelten Blicken auf die Sitzenden. Wollen die nicht endlich aufstehen und mich sitzen lassen? Und jeder blieb auf seine Weise hartnäckig. Keiner sprach, zu erschöpft wahrscheinlich.
Ich war jedenfalls sehr beeindruckt. Auch als ich endlich in Neukölln über das Fahrrad klettern und an die schwüle frische Luft durfte, war keiner ermordet worden. Keiner hatte mit Schreikrampf am Boden gelegen. Und kein Mensch hatte auch nur eine leise Kritik an irgendetwas geäußert. Tapfer, die Berliner. Bis zuletzt.

An dieser Stelle will ich ganz herzlich all meine lieben, tapferen Schüler grüßen, vor allem die, die am Dienstag eine Prüfung haben! Zum Beispiel Abdu aus Tunesien: Viel Glück!

3 Kommentare

  1. Konjunktiv III ?!?!

  2. Hey Franziska ..;
    OH das ist sehr nett von dir, über mich in deinem Blog zu sprechen. Das berührt micht wirklich sehr.
    Du bist die beste Deutsch Lehrerin aller Zeiten.Ich liebe dich!
    Ich vergesse dich nie und wünsche dir und deiner Familie viel Erfolg und Glück.
    Danke noch mal für alles.
    tschüs

  3. Oh das freut mich aber!
    Viel Glück dir auch, Abdu. Beim Studium, in Deutschland, auf der Suche … und all meinen anderen Freunden, die gestern ihre Prüfung hinter sich gebracht haben, natürlich auch!

Der Beitrag wurde am 21. Mai 2007 um 22:49 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Alltag gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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