Archiv für die Kategorie 'Alltag'
So sitzen Sie also
Mittwoch, 26. November 2008Wenn man die Art, wie einer in der U-Bahn sitzt bzw. sich fläzt oder sich breitmacht, wenn man das filmen würde, wird ja eh alles gefilmt, und wenn sie das dann bei Vorstellungsgesprächen einsetzen würden, oh oh, dann würde so mancher den erhofften Job nicht bekommen, weil er sich wie der letzte Kotzbrocken benimmt.
Am schlimmsten sind zickige Großtaschenträgerinnen mit übergeschlagenen Beinen und spitzen Schuhen. Denen könnte man natürlich gleich den Job am Empfang anbieten, zur Abschreckung.
Wir sind Rechtsgeher!
Mittwoch, 26. November 2008Die Statistik hat es schon bewiesen, jetzt müssen wir das nur noch allen Menschen in Deutschland klar machen: Die Deutschen gehen auf der rechten Seite; des Bürgersteigs; der Treppe; der Ecke. Wenn mir also einer an einer unübersichtlichen Ecke in der U-Bahn entgegenkommt, dann weiß ich: Das kann kein Landsmann sein!
Darum ist ab sofort unumgänglich: Integration des Rechtsgehertums in den Deutschunterricht. Damit es kein peinliches Zusammenstoßen und Rempeln mehr gibt!
Allerdings beobachte ich immer wieder aufmüpfige Gestalten, die sich nicht an die Regeln halten, obwohl sie in diesem Land geboren sind.
Pfui aber auch!
In Neukölln zum Arzt?
Sonntag, 12. Oktober 2008Gar nicht so einfach. Wenn man hier jemanden nach einem guten – sagen wir: HNO-Arzt – fragt, gibt es oft erst einmal ein ratloses Achselzucken. Fahr doch rüber nach Charlottenburg, da kenn ich einen! Oder im Prenzlberg! Das ist mir aber zu lästig, mal eben. Müde nach der Arbeit. Also gehe ich gar nicht und schleppe mich mit Ohrensausen in den nächsten Tag. Vergeht ja eh wieder, was solls.
Da ist es dann besonders erfreulich, wenn ich Samstagmittag die Karl-Marx-Straße entlangzuckle und mir plötzlich ein Schild auffällt: HNO. Auch samstags Sprechstunde. Mensch! Samstags!!!
Spontan gehe ich die Treppe hoch, die Ohren wollen es ja auch, es ist erst halb zwölf und fragen kostet ja nichts.
Wow. Oben bin ich in einer anderen Welt. Bilder von arabischen Stränden, freundliche Sprechstundenhilfen im Kopftuch, leise, muselmanisch anmutende Musik und fremdartige Schriftzüge an den Wänden lassen mich an Urlaub und 1001 Nacht denken. Ich darf warten. Die anderen Patienten, nur einer offensichtlich deutsch und in typisch Neuköllner Trainingshose und mit hilflosem Blick zu mir, fühlen sich hier offensichtlich ganz heimisch und sprechen arabisch mit den helfenden Geistern. Deren Deutsch ist übrigens perfekt, eindeutig sind sie in Deutschland geboren. Ein bisschen verwundert mich der Unterschied zu mir vertrauten HNO-Praxen: Wo sind die ganzen Schnupfennasen? Nur einer prustet übel vor sich hin. Dreie, davon eine ganz junge Frau mit ihren Eltern, haben andere Probleme: Sie haben blutige, zerschlagene Nasen. Wo gibts denn so was? In Neukölln natürlich.
Man beachtet sich gegenseitig nicht so genau. Der Arzt ist dann ganz reizend, er kommt aus Palästina, wow, und ich kriege sogar einen Hörtest und eine feine Medizin. Mir gehts gleich besser.
Von nun an weiß ich, wo ich zumindest einen Arzt für meine Nase finden kann! Aber könnte uns bitte noch jemand einen guten Augenarzt empfehlen? Mein Kroate ist weggezogen. Vielleicht wollte er eine deutschere Kundschaft?
Hopfen
Samstag, 06. September 2008Unten im Garten wächst eine freche Pflanze, die heftig durch die Gegend rankt und jetzt auch noch witzige Dolden gebildet hat: der Hopfen. Dass das Kraut ein wahres Wunder der Natur ist, habe ich erst jetzt erfahren. Ich könnte mir einen Schlaftee machen. Vielleicht ein Säckchen davon nachts neben das Kissen zum Einschlafen. Hinter den Büchern verhindert er Insekten. (Natürlich haben wir keine Insekten) Außerdem kriege ich dann keinen Krebs, keine Wechseljahrbeschwerden, keine Tuberkulose und und … toll.
Sofort nach unten und pflücken, bevor es die Nachbarn tun!
Echt oder nicht echt?
Sonntag, 31. August 2008Die Silbersteinstraße ist keine schöne Straße. Heute, so gegen eins, fand ich es allerdings faszinierend, einem jungen Mann zuzusehen, wie er die Pistole auf jemanden richtete und dann weglief zu meinem Gemüsehändler. Eine alte Frau, die gerade die Straße überquert hatte, wäre fast von ihm über den Haufen gerannt worden. Ich sage launig zu meiner türkischen Nachbarin, dass doch mal endlich was los ist hier und sie grinst zustimmend.
Dann ruft der Regisseur „So, wir machen jetzt Mittagspause“, und die Vorführung ist erstmal vorbei. Schade.
Heute Abend gegen acht stehen an derselben Stelle ein Krankenwagen und ein Polizeiwagen. Ich denke erst: Ach, drehen die immer noch? Aber nein, jetzt ist es ernst. Die Straße ist leer, keiner kuckt mehr, und was da passiert ist, weiß ich nicht. Man könnte meinen, mit der Sonne ist auch der ganze Tagesspaß verschwunden und eine andere Welt taucht auf. So fühle ich mich dann auch wenig später in der U7. Gruslig.
