Archiv für die Kategorie 'Alltag'

Und dann wird das Messer gezückt

Dienstag, 26. August 2008

Es ist voll in der U7, und ich presse noch einen Riesensack Heu (für die Schweinchen) an mich, als er einsteigt und seine sperrige Sporttasche auf den Boden stellt. Menschen stolpern darüber. Er entschuldigt sich sanft. Endlich kann er sich mir gegenüber hinsetzen und die Tasche unter den Beinen verstauen. Ein junger Mann, wohl Deutscher, kleiner Oberlippenbart (wer trägt denn noch so was?)
Er hält den Blick gesenkt. Alle sind müde, es ist gegen fünf Uhr nachmittags. Er nimmt ein kleines Paket hervor, etwas ist in braunes Packpapier geschlagen. Was wird er jetzt tun? Jeder starrt bemüht gleichgültig geradeaus. Auch ich beobachte ihn nur unauffällig. Seine Hände gleiten über das längliche Paket. Er scheint sich über einen Einkauf zu freuen. Ein Gummiband wird abgezogen. Das Papier vorsichtig aufgerollt. Dann nimmt er das erste Messer hervor, es ist ein kleines, leicht gebogenes, sicher praktisch fürs Gemüse. Er prüft es mit dem Daumen und scheint zufrieden. Als nächstes kommt ein größeres Messer dran, stark, effektiv, auch Fleisch kann es bestimmt gut kleinschneiden. Die Frau, die neben ihm steht, wirkt plötzlich starrer, irgendwie verkrampft. Sein Banknachbar, ein ältlicher Ausländer, sackt etwas in sich zusammen. Der Daumen gleitet wieder über die Klinge und ich stelle mir Blut vor. Er lächelt.
Die Messer werden wieder eingepackt. Hermannplatz: Er steigt aus.
Wie jetzt. Das wars? Ja. Keine Metzelei in der U-Bahn. Wir können wieder aufatmen. Noch einmal davongekommen.

Alles, was wir geben mussten

Freitag, 22. August 2008

Ein Buch, das mich nicht loslässt. Wie würden sich Menschen fühlen, denen gesagt wird, dass sie Klone sind, die dazu geschaffen sind, später ihre Organe zu spenden? Die schlimme Erkenntnis: Sie finden es normal. Sie wachsen mit diesem Gedanken auf, gehen auf eine besondere Schule mit ihresgleichen, leben in ihrer Parallelwelt und sind eines Tages bereit für die Spende.

Was mich beim Lesen gequält hat:
Warum sagt keiner NEIN? Warum gehen sie nicht weg?
Unbedingt empfehlenswert, wenn auch verstörend:
„Alles, was wir geben mussten“ von Kazuo Ishiguro.
Nach dieser Lektüre sehe ich die Welt mit etwas anderen Augen.
Und das ist doch schon was, oder?

handylos ulkig

Mittwoch, 09. Juli 2008

Durchaus befremdlich ist es heutzutage doch noch, wenn jemand ohne das obligatorische Mobiltelefon am Ohr, aber laut (mit sich selbst?) sprechend durch die Gegend wandelt. Man sucht automatisch nach irgendwelchen technischen Beweisen (Kabel vorm Bauch, Knopf im Ohr) für die geistige Stabilität des Sprechers. Noch befremdlicher ist es, wenn der Sprecher ein Afrikaner mit peppigem Outfit ist, der in der U-Bahn pausenlos Unverständliches in die Luft quatscht und damit alle anderen Fahrgäste völlig aus dem Konzept bringt.
Ich hab dann doch noch ein Käbelchen entdeckt.

Mir wär das ja peinlich, so laute Selbstgespräche führen zu müssen.

Mal ein Kompliment

Samstag, 21. Juni 2008

Es ist ja immer leichter zu meckern, und genug Material dazu findet man hier auch. In den letzten Wochen zum Beispiel unter der S-Bahn-Brücke Neukölln: Baustelle mit riesigem Bauzaun, sodass man kaum noch durchkam, Gestank, Kabel, Bauschmutz, Enge, muffige ausweichende Leute … aber davon rede ich ja nicht. Der Zaun ist weg, das Geheimnis ist gelüftet: Richtig schöne, von hinten beleuchtete Baumrindenbilder, strahlend grün, zieren jetzt beide Straßenränder und machen die eilige Betrachterin jedes Mal ein bisschen froher. Danke!

blind

Donnerstag, 19. Juni 2008

Ich sitze in der U9 und betrachte geistesabwesend die einsteigenden Fahrgäste, als mir einer auffällt, der gar nicht zur Tür geht, sondern einfach auf die U-Bahn zu. Mit seinem Stock tastet er sich dann sofort die Fenster entlang, bis er zur Tür kommt und einsteigen kann. Ein schlanker, ernster Mann, ganz offensichtlich völlig blind. Er sucht sich einen Sitzplatz, indem er mit seinem Blindenstock blitzschnell die Plätze erfasst und sich dann mitten in die Reihe auf einen freien Platz setzt. Den (wie immer besetzten) ersten Platz, der für besondere Fälle reserviert ist, den beachtet er gar nicht. Das ist er wohl gewohnt.
Ich bin beeindruckt. Wie ist das, wenn man U-Bahn fährt und überhaupt nichts sieht? Ich habe nicht den Eindruck, als wären die ganzen Bahnsteige und Wege besonders behindertengerecht. Im Gegenteil, überall lauern Fallen! Was ich aber am schwierigsten finde: Sich ständig beobachtet fühlen zu müssen, ohne sich dagegen wehren zu können. Er kann nicht zurückstarren, er kann sich nicht orientieren, er ahnt nicht, ob vielleicht ein ekliger Irrer neben ihm sitzt, neben den sich sonst niemand gesetzt hätte! Na gut, die Nase funktioniert ja bestimmt. Trotzdem. Blindsein muss auch ein Gefühl der Ausgeliefertheit hervorrufen, mit dem man erstmal klarkommen muss! Ich stelle mir vor, wie ich mich, plötzlich erblindet, völlig zu Hause verkriechen würde. Und ich stelle mir auch vor, wie ich, mit verbundenen Augen, diese Fahrt machen würde und dann schließlich schreiend die Binde von den Augen reißen würde.
Die Fahrt geht weiter, und schließlich steigen wir aus. Der Blinde auch am Zoo, und ich kann sehen, wie er sich sicher durch die unsichtbare Welt bewegt. Ich bewundere ihn!
Ach ja, ist „blind“ überhaupt politisch korrekt?, geht es mir durch den Kopf. Taub darf man ja auch nicht mehr sagen, das ist jetzt gehörlos. Also vielleicht „sichtlos“? Nee, klingt nicht gut. Und bei diesen ganzen Überlegungen merke ich, wie unsicher ich mit diesem Thema umgehe, während er, der Blinde, zielsicher durch Berlin fährt.

Wenige Tage später. Diesmal will ich mit meiner Ringbahn fahren, steige ein, setze mich und wundere mich über eine Frau, die völlig ziellos über den Bahnsteig stolpert, bis ein Junge (danke!) sie in die S-Bahn führt, die schon wieder losfahren will. Verwirrt klammert sie sich an eine Stange und ich helfe ihr dann schließlich zu einem Platz, weil sonst niemand Lust dazu hat. Wir sind schließlich in Berlin.
Auch beim Aussteigen ist sie völlig hilflos, die Umstehenden sind ebenfalls verunsichert, sie piekt mehrere mit ihrem Stock und scheint völlig überfordert. Wie kann das sein? Warum ist sie dann ganz allein unterwegs, blind, hilflos? Ich verstehe das alles nicht. Aber eins habe ich gelernt: Blind ist nicht gleich blind. Diese Frau jedenfalls weiß, dass sie sich auf ihre Art fallenlassen kann; irgendwie kommt sie schon ans Ziel.

Ja wo sind sie denn alle?

Montag, 16. Juni 2008

Es ist so still auf Deutschlands Straßen. Ich schleiche unter der S-Bahnbrücke Neukölln durch und bin froh über die paar Gestalten, die eilig vorbeihuschen. So ganz leer will ich die Straße schließlich nicht. Bei Penny (um Viertel vor zehn abends) standen sich gerade grimmige Jugendliche gegenüber, teils türkisch, teils deutsch, voller Lust auf eine Schlägerei. Vor dem Laden meines Lieblingstürken hängt eine riesige deutsche Fahne. Beim Chinaladen gegenüber auch. Wie jetzt, haben die denn Angst, sonst eins auf die Mütze zu kriegen? Gestern hing da noch die türkische Fahne. Hm.
Böller zerreißen die Stille! Jetzt kriege ich auch Angst – nicht, dass mich so ein Ding erwischt! Schnell heim in die fußballfreie Zone.