Abstand halten!

Sonntag, 11. April 2010 18:25

Das weiß man ja: Jeder Mensch braucht einen gewissen Abstand zum Nächsten. Das ist abhängig von der Kultur (in anderen Ländern rücken sie einem mehr auf die Pelle) , aber auch von Ort und Zeit. In einer S-Bahn kann ich zu Stoßzeiten grauenhafte Massen ertragen und die wenigen Millimeter zu meinen unzähligen Nachbarn noch mit meinem unsichtbaren Schutzschild ausfüllen. Ist diese S-Bahn zu anderen Zeiten leer, so verteilen sich die routinierten Passagiere automatisch so, dass überall genug Zwischenraum ist. Gut zu erkennen ist das in diesen Fahrradabteilen, in denen sich lange Reihen gegenübersitzen. Typisch dort: Ein Platz besetzt, ein Platz frei, ein Platz belegt mit einer Tasche … nun aber passierte mir Folgendes: Die S-Bahn war so gut wie leer; ich setze mich in mein Eckchen in diesem großen Fahrradabteil, wirklich großräumig. Niemand sonst da – bis auf die Frau mittleren Alters, die nach mir einsteigt und sich direkt neben mich setzt, mit Tuchfühlung. Wie jetzt, warum nicht auf einen der zwanzig freien Plätze? Warum an mich gekuschelt, hä? Panik ergreift mich. So viel unnatürliches Verhalten ist verdächtig. Vielleicht will sie mich ausrauben? Oder sie ist psychisch krank und sucht ein Opfer? Fremd in der Stadt und will mich gleich ansprechen? Ich male mir Fluchtwege aus. Natürlich muss man sich in Berlin immer so bewegen, dass man gelassen und routiniert wirkt. Nur nicht auffallen! Touristen sind peinlich! Also bleibe ich sitzen und starre aus dem gegenüberliegenden Fenster. Dort sehe ich neben mir meine psychopathische Nachbarin. Sie blickt in eine andere Richtung. Warum? Auch ihre Ausstrahlung kommt mir von Minute zu Minute irrsinniger vor. Endlich kommt meine Station und ich kann (sehr sehr gelassen und ruhig) aussteigen. Draußen wische ich mir dann den Angstschweiß ab und das Zittern kann abklingen. Noch einmal davongekommen! Ich lebe!

Wunderlauch

Donnerstag, 08. April 2010 19:35

Man muss hier nur aus dem Haus gehen, ein bisschen die Straße runter und dann in den Wald: Schon beginnt der Wohlduft. Im Plänterwald bedecken riesige grüne Teppiche bestehend aus „Berliner Bärlauch“, auch Wunderlauch genannt, den Waldboden und machen Lust aufs Pflücken und Mitnehmen. Und er ist essbar! Gestern: Vom Meisterkoch klein geschnippelt, in Butter gedünstet, mit Zwiebel ergänzt, mit Nudeln, Parmesan und frischem Pfeffer genossen. Klasse!

Der Samstag zwischen Karfreitag und Ostern

Sonntag, 04. April 2010 12:43

Wer sich an diesem Tag auf die sowieso belebte Karl-Marx-Straße in Neukölln wagt, muss wissen, worauf er sich einlässt. Alles zwängt und drängt sich, der letzte Schoko-Hase ist längst weg, die Schlangen an den Kassen sind mörderisch und der Salat beim Türken kostet heute 2,45 €.
Das Gute dran: Jetzt weiß ich wieder die liebliche Ruhe der Baumschulenstraße zu schätzen. Außerdem – so ein bisschen Trubel braucht der Mensch, oder nicht? Das ersetzt uns doch den einstigen Überlebenskampf auf untergehenden Schiffen und brennenden Schlachtfeldern. Auch den fehlenden hunnischen Horden muss keiner mehr nachtrauern.

Wieder in der U-Bahn: Liebt mich, hasst mich, lasst mich in Ruhe!

Freitag, 02. April 2010 13:47

Wenn mein Buch ausgelesen ist, muss ich mich unterwegs auch mal notgedrungen mit meinen Mitmenschen beschäftigen. Nicht unbedingt beglückend in dieser Großstadt. Schon allein die Frisuren. Manche wollen es offensichtlich allen recht machen. Die Haare sitzen nett und addrett, ein niedliches Strähnchen links, ein Löckchen rechts. Diese Leute achten darauf, nicht zu viel Platz in Anspruch zu nehmen und rechtzeitig an der Tür zu stehen.  Andere haben völlig irrsinnige Frisuren. Ist das jetzt eine Plastikschicht oder sind das straff gekämmte, geölte Haare? Vielleicht irgendeine Krankheit? Und dann gibt es die Dreisten. Haare strubbelig, müffelig, schrill. Sitzen: Breitbeinig. Rucksack: Bei mir im Gesicht. Kaffee in der Hand: Gefährlich schwappend.
Abgesehen davon liegen viele einfach irgendwo dazwischen .

Gedanken zur Matthäus-Passion

Sonntag, 21. März 2010 14:51

Es ist schon schöne Musik, keine Frage. Gestern im Konzerthaus konnte sie mich wirklich berauschen. Wunderbare Solisten, tolles Orchester, ein eifriger Chor (mit mir;) und ein andächtiges Publikum … aber mal ehrlich: Muss das wirklich so lang sein? Könnte man nicht, ohne Bach zu nahe zu treten, diese ewig langen Passagen, bei denen man sowieso kein Wort versteht, rausschmeißen und nur die fetzigen Teile drinlassen, gestutzt auf sagen wir mal erträgliche 80 Minuten? Das würde dann in etwa so aussehen:

Chor: Kommt helft mir klagen!

Evangelist (=Erzähler): Bald ist Ostern und Jesus wird gekreuzigt!

Chor: Herzliebster, was hast du verbrochen?

Stücke aus den Rezitativen: Buß und Reu, knirscht das Sündenherz entwei …

Jesus (mit Heiligenschein in Form von Geigen): Einer unter euch wird mich verraten!

Chor: Herr! Bin ichs? Bin ichs???

Erzähler: Und die Hohenpriester und Ältesten legten die Hände an Jesum und ergriffen ihn.

Chor: Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden!

Pilatus: Was soll ich denn machen mit Jesu?

Volk: Lass ihn kreuzigen!

Seelenschmerz – Jammer – Martersäule – Tränen – Wunden bluten …

Erzähler: Da speieten sie aus in sein Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten …

… dreißig Silberlinge … und erhängete sich selbst …

Volk: Lass ihn kreuzigen!!!

O Geißelung, o Schläg, o Wunden!

Jesus: Eli, Eli, lama asabthani?
Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Erzähler: … und verschied.

Chor: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn!

Chor: Wir setzen uns mit Tränen nieder und rufen dir im Grabe zu:
Ruhe sanfte, sanfte ruh!

Arme Lerner

Mittwoch, 17. März 2010 17:57

Immer wenn ich eine neue Klasse habe, wird mir wieder klar, wie schwer die deutsche Sprache ist. Gerade für Anfänger! Schon allein so kleine Wörtchen wie „sie“ und „ihr“ können einen doch in den Wahnsinn treiben, oder? Hier ein Beispiel, das alles klären soll …

Ihr Vater wollte ihr helfen, ihre Stereoanlage zu reparieren, deshalb brachte sie sie ihm und er sah sie sich genauer an. Aber was war das? Sie war ja völlig verstaubt! Das war ihr natürlich peinlich und sie errötete zart. „Ihr habt heutzutage keinen Respekt mehr vor euren teuren Geräten“, brummelte ihr Vater und schob sie mürrisch zur Seite. Dann stellte er die Anlage auf seine Werkbank, nachdem er sie freigeräumt hatte, und schraubte so lange an ihr herum, bis sie wieder Musik von sich gab, die alles übertönte. Sie freute sich riesig und nahm sie wieder mit in ihr Zimmer. Der Vater aber sah ihr hinterher und seufzte nur. Es sei noch hinzugefügt, dass sie sich oft über ihr Zeugs stritten.

Und Sie, glauben Sie, Sie können Ihr Deutsch mit so einem Unsinn verbessern?