Vom Terror in den öffentlichen Verkehrsmitteln

7. Dezember 2010 um 17:41 Uhr

Es gibt ja immer noch Menschen, die bekommen beim Anblick eines herrenlosen Koffers oder eines seltsamen, länglichen Pakets unter dem Arm eines Bärtigen gleich Panik. Lächerlich! Der wahre Terror ist längst organisiert, er findet täglich statt und ist erfolgreich!

Die geheimen Schulungszentren für Störenfriede arbeiten vor allem an den Wochenenden und abends, wenn keiner es merkt. Und dann werden die Aktivisten auf die Menschheit losgelassen, am besten Montagmorgen um acht. Eine Gruppe hat sich auf die Verbreitung von Viren spezialisiert. In den Kursen erlernen sie effektives Niesen und Röcheln, das auch den stärksten Gesundmenschen die U-Bahn fluchtartig verlassen lässt. Ganz eifrig senden sie ihr kräfiges Hatschi in die Bahn, um sich dann mit der vollgeniesten Hand an der allgemeinen Haltestange festzuhalten. Klasse!
Eine andere Gruppe ist immer mit Schirmen bewaffnet. Damit kann man hervorragend Fahrgäste auf S-Bahn-Bahnsteigen stolpern lassen. Auf Treppen werden diese Waffen ruckartig nach hinten gestoßen; allein im Jahr 2010 wurden dadurch erfolgreich siebzehn Augen vernichtet und 23 Nasen verunstaltet. Mit nassen Regenschirmen kann man zudem ganz wunderbar Sitzflächen beflecken, Kopien unlesbar machen und einem die Lektüre verleiden.
Die dritte Gruppe besteht aus Experten für intellektuelle Handy-Gespräche. Möglichst laut gebrüllt, erfüllen sie jede Bahn mit geistreichen Wortfetzen, die anderen Fahrgästen das Lesen, Träumen oder Reden unmöglich machen: “Ja, und dann hat mir das Amt auch noch dreihundert Euro abgezogen, und der Scheißkerl bezahlt keinen Unterhalt, und der Kleene hat schon wieder das Bett vollgepinkelt …” “Nee, warte oben an der U-Bahn, oben, Mensch, biste denn total verblödet, oben sollste warten, hörste mir eigentlich zu …”
Unglückliche Gäste von U- und S-Bahn werfen sich verstehende Blicke zu (schon wieder so ein Irrer), zucken mit den Achseln und starren dann melancholisch aus dem Fenster. Doch die Moral für den Tag wird unterhöhlt, zermürbt, und das ist das Ziel dieses gut organisierten Terrors: Zersetzung. Passt also auf! Und nehmt euch ein gutes Buch zur Ablenkung mit.
Die stärkste Truppe arbeitet übrigens zurzeit von innen, bei der S-Bahn selbst! Zuverlässige Anzeigen, ausreichend Platz in der S-Bahn, Pünktlichkeit? Ha, das war vielleicht einmal! Tausende drängen sich bei Eiseskälte auf schmalen Bahnsteigen, drohen, auf die schneebedeckten Schienen gestoßen zu werden oder nicht mehr in die übervolle Bahn eingelassen zu werden. Wer sich auf Ansagen oder Anzeigen verlässt, ist selber schuld. Und während sich die Berliner Bevölkerung verzweifelt ans Ziel schleppt und schon nicht mehr aufbegehrt, auch bei der Arbeit nicht mehr, währenddessen also reiben sich die fiesen Aktivisten im Hintergrund grinsend die Hände und formulieren munter ihre nächste S-Bahn-Ansage: “Meine Damen und Herren, aufgrund unberechenbarer Wetterverhältnisse wird die S47 Richtung Südkreuz voraussichtlich 35 Minuten Verspätung haben! Wir bitten um Ihr Verständnis!” Was sie natürlich nicht erhalten. Wer dann übrigens schnell zum nächsten Bäcker huscht, um sich einen Kaffee zu gönnen und sich ein bisschen aufzuwärmen, der wird erleben, dass genau in dem Moment, da er den Bahnsteig verlassen hat, die S-Bahn doch noch kommt und zwei/drei schmale Personen sich hineinpressen können. Der Kaffeetrinker hört dann nur noch aus der Ferne: “Zurückbleiben, bitte!”

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Ellenbogen ausfahren!

7. November 2010 um 17:21 Uhr

Befremdlich das Verhalten einiger Fahrgäste, wenn jede Menge Platz ist. Plötzlich sitzt man ganz fett da, Taschen werden ausgebreitet, man postiert sich so am Gang, dass sich auf keinen Fall noch jemand danebensetzen kann. Weh dem, der jetzt zusteigt und ein Plätzchen sucht! Der läuft doch glatt Gefahr, erschlagen zu werden.

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Fahrgemeinschaft

3. November 2010 um 19:41 Uhr

Je schwieriger die Fahrt, desto solidarischer werden die Fahrgäste! Nehmen wir mal letzte Woche: Warum muss dieser Typ mit seinen Begleitern dermaßen laut quatschen, dass allen anderen der Kopf brummt? Sicher, er redet in einer unverständlichen, vermutlich südeuropäischen Sprache und wir müssen uns über den Inhalt keine Gedanken machen. Und doch. Die Fahrt wird zur Qual und eine Frau (Typ gemütliche Hausfrau) bittet dann doch um etwas Ruhe, was den Lautschwätzer zu mehr Geschrei animiert, bis er und seine seltsame Begleitung endlich irgendwann die U-Bahn verlassen. Und wir? Erleichterung, Verschwesterung, kleine Schwätzchen über die Leiden der Berliner Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel kommen in Gang. Am Ende verabschiedet man sich, wünscht sich ein schönes Wochenende … wie nett! Danke, Herr Brüllaffe!
Oder diese Woche: Man kann nicht mehr mit der S-Bahn von Baumschulenweg nach Neukölln fahren. Kabelbrand. Die unglücklichen Passagiere werden in andere S-Bahnen gelenkt, in volle Ersatzbusse gestopft, irgendwo stehen gelassen, rausgeschmissen, man wird durchgeschüttelt, Ansagen sind verwirrend, unzutreffend (“Bitte alle aussteigen, der Zug endet hier” – ha, ha, alle bleiben wohlweißlich sitzen), es ist zeitweise so eng, dass man nicht mehr atmen kann, und ich komme 40 Minuten später als geplant zur Arbeit … und doch bleibt das Volk ruhig. Schweigend hängen wir in den Seilen, nur ein paar kleine Witzchen werden gerissen, ein bisschen Unmut geäußert, das wars auch schon. Als ich aus dem Chaos wieder in die normale U-Bahn umsteige, herrscht wieder das übliche eisige Schweigen, nichts mehr vom geteilten Leid, das ich gerade noch spüren konnte. Mehr Chaos braucht die Stadt! Dann haben wir uns plötzlich ganz doll lieb.

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Lehnin

31. Oktober 2010 um 14:49 Uhr

Wenn man mal Berlin verlassen will, so lohnt sich ein Ausflug zum Kloster Lehnin. Ein kleiner Ort mit besonderem Charme, um ein ehrwürdiges Kloster gebaut. Touristen gibt es trotz der etwas mühsamen Anfahrt. Und wenn man dann zwischen den roten Gemäuern wandelt, kann man sich kaum noch vorstellen, welche uralten heiligen Kultstätten vor vielen Jahrhunderten hier wohl gestanden haben mögen. So heilig, dass die Anhänger vorchristlicher Religionen einst auch vor Mord nicht zurückschreckten, um die christliche Bebauung zu verhindern. Aber wir wissen ja, wer damals gewonnen hat. In der Hauptkirche vor dem Alltar müssen wir Chorsänger um den Stumpf eines alten Baumes gehen. Der Urbaum?  Es ist dort übrigens so erbärmlich kalt, dass wir in dicken Mänteln zitternd unser Konzert geben. Kalte Füße, kalte Hände und kribbelnde Nasen … und der Wind der Reformation weht  einen Schauer über uns.

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Goldener Oktober

13. Oktober 2010 um 16:37 Uhr

Berlin kann wirklich unglaublich schön sein im Oktober. Der Himmel strahlend blau, die Bäume in allen Farben. Wir gehen durch den nahen Wald und freuen uns.

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Abschied

5. Oktober 2010 um 21:31 Uhr

Wenn man sieht, wie sich ein Sarg ins Grab senkt, wenn man hört, wie Asche zu Asche, Staub zu Staub und Erde zu Erde wird und wenn man eine letzte kleine Blume wirft, dann macht das müde. Unglaublich müde.

Eva

28. September 2010 um 11:32 Uhr

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Ende

um 11:27 Uhr

Der Tod ist eine weiche Decke. Er deckt zu und macht der Qual ein Ende.

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Hilflos

12. September 2010 um 21:28 Uhr

Nachts wacht sie auf und hat Durst. Oder das Bein tut weh. Oder der Arm ist ihr ins Gesicht gerutscht und sie kann kaum noch atmen, mit der Hand vor der Nase. Dann hört jemand sie und kommt. Meistens. Am Tag kann sie nicht gehen. Nicht stehen. Manchmal bekommt sie keine Luft mehr. Das Sprechen wird immer schwerer.  Sie kann nicht allein essen oder sich die Nase putzen. Sie kann nicht allein zur Toilette gehen. Immer braucht sie Hilfe. Aber sie ist nicht winzig klein und kann nicht auf den Arm genommen werden wie einst. Sie hat schon 83 Jahre gelebt, ist gereist, hat getanzt und gelacht und die Welt ein bisschen bewegt.

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