Archiv für die Kategorie 'Alltag'

Zum Schwimmen an die Krumme Lanke?

Dienstag, 12. Juni 2007

Man hat hier in Berlin ja eine ziemliche Auswahl, wenn man sich im Wasser erfrischen will. Möchte ich mich in den Müggelsee stürzen, etwas mehr Ostflair und die Reste des alten Strandbads um mich herum? Vielleicht. Mal. Oder ich schnappe mir unter der Woche mein Handtuch und einen Badeanzug (keine Pflicht), nehme die U-Bahn bis Krumme Lanke und gehe zur Krummen Lanke. So heißt einer der Seen dort – der Schlachtensee gleich gegenüber ist auch nicht übel, vielleicht aber mit weniger Bademöglichkeiten.
Und da am See liegt dann die Berliner Bevölkerung glücklich und zufrieden in der Sonne. Jugendliche kreischen um ein Schlauchboot, aber es hält sich in Grenzen. Bekleidungs- oder sonstige Regeln gibt es nicht, sodass das nackte Tantchen neben dem gestylten Jugendlichen auf der Liegewiese dahinschmilzt. Alle sind zufrieden. Schade für meine lieben Schüler, denke ich; denn die meisten von ihnen grauen sich vor den nackten und halbnackten Leibern. Tja, so ist das nun mal hierzulande! (Heute habe ich echt gegrübelt, wo in Berlin ich sie hinschicken könnte zum Baden.)
Was mir gefällt: Etwas abseits vom Trubel eine der vielen kleinen Buchten ergattern und den See (fast) ganz für mich haben: Eine spiegelglatte Wasseroberfläche, heute noch die Haubentaucherfamilie mit Küken dabei. In der Ferne die Rufe der badenden Massen. Ansonsten Wald ringsherum und Stille. Nicht extreme Erfrischung, da das Wasser warm ist. Aber schön.

Ich persönlich finde schwimmen im See schöner als im Meer oder im Schwimmbad! Vor allem, wenn der See in einem Wald liegt.

Warum ich Krimis lese

Mittwoch, 06. Juni 2007

Eigentlich ist das Leben selbst ein Krimi – nur die ordentliche Auflösung ist nicht immer gewährleistet. Heute zum Beispiel bin ich mit der U-Bahn nach Neukölln zurückgefahren; es war gegen halb zehn, die üblichen Pendler saßen also schon brav vor der Glotze. Und die Leute um mich herum ergaben eine so beunruhigende Mischung, dass man die Spannungen fast mit dem Messer hätte schneiden können: Der Typ mit dem wirren Blick und den struppigen Haaren, der sich mit bösartigem Schwung auf seine Bank schmiss und sich dabei auf seinen Fuß setzte, was seine feste Gewohnheit zu sein schien. Die junge Mutter, blass und gereizt, die ihr Kind zu beruhigen versuchte, das nicht nur schrie, sondern so aus Leibeskräften kreischte und sich dabei aufbäumte, dass mir ein Krimi einfiel, bei dem eine Mutter ihr gehörloses Kind umbringt, weil sie dessen Gekreische nicht mehr ertragen kann … Nicht dass mich Mordgedanken plagten, nö, ich versetzte mich nur in die Mutter. Ein anderer Typ zerknitterte lautstark Blechdosen, die er dann in einen Einkaufswagen stopfte; er selbst ganz zerknittert und zerknautscht. Fürchterliche Geräusche machte der.
Was ich sagen will: Wenn man die geballte Spannung hier in Berlin in sich aufnehmen wollte, würde man wohl verrückt werden. Meine Methode, damit klarzukommen: Ich lese. Das heißt, ich entschwinde. Zurzeit ist es einer jener Tibetkrimis, die einem Einblick verschaffen in eine völlig andere Welt. Die einen wütend machen über die chinesische Besatzung, über die Kontrolle, die fiesen und brutalen Methoden der Besatzer. Gleichzeitig bekommt man Respekt vor einer Quelle oder einem Blümchen und freut sich mit einem alten Mönch, der nach Jahrzehnten im Gefangenenlager diese kleinen Dinge genießen kann.
Mein Problem: Ab und zu lässt die Spannung nach und ich lasse mich von meinen Mitfahrern zu sehr ablenken. Minuspunkt.
Ich habe schon erlebt, dass ein Krimi so spannend war, dass ich meine tägliche Aussteigestation verpasst habe! Das ist der Hammer und bekommt zehn Pluspunkte. Was ich liebe: Die richtige Mischung aus Witz (Frechheit), Spannung (Ja, ich will Blut sehen!) und Gefühl. Ein bisschen Lokalkolorit schadet nichts, ob das nun die Straßen von London sind oder die Schwäbische Alb. Außerdem will ich Überraschungen. Ich will sagen können: Mensch, das hätte ich jetzt nicht erwartet! Denn allzu oft ahne ich schon, worauf die Geschichte hinausläuft, und wenn die Helden dann auch noch tun, was ich ihnen eingeflüstert habe, bin ich enttäuscht.

Außerdem will ich einen ordentlichen Schluss. Aufklärung bis ins Detail, meinetwegen mit dem Verweis „Drei Monate später“, so poplig das klingt. Ich hasse es, wenn auf der letzten Seite die Heldin, die glorreich alle wirren Mordmotive und -methoden herausgefunden hat, nun gefesselt auf dem Bett der geisteskranken Mörderin liegt und wahrscheinlich nie gefunden wird, weil alle mausetot sind und nichts mehr sagen können. Blöd, sowas! Ich will Ent-Spannung am Schluss; ich will mich zurücklehnen und dem Autor/der Autorin dankbare Gedanken schicken, dass er/sie mir diese kompletten Erklärungen geliefert hat. So muss das sein.

Und warum lese ich nun Krimis? Weil keine andere Geschichte mich so gut packen und entführen kann. In keinem sogenannten „Fantasy-Abenteuer“ bin ich so weit weg wie in einem guten Krimi, in dem es Angst gibt, Wut, Liebe vielleicht, Probleme, Fragen und Antworten. Gerade die realistische Darstellung der Handlung hat was Mitreißendes, Überzeugendes, mehr als abgehobene Zauberergeschichten mit Drachen und Wichteln. Da soll einfach ein grummeliger Kommissar oder eine schrille Hobbymörderin mit Vaterkomplex sein, und schon bin ich zufrieden.

Und während ich unterwegs in der S-Bahn meinen Krimi lese, verwandelt sich die Welt selbst in einen. Wie oft schon habe ich einem potenziellen Mörder gegenüber gesessen! Warnung an alle Nicht-Krimileser: Ich weiß es nun, nur die Wachsamen haben eine Chance zu überleben. Jawollja!

(Das waren übrigens meine Gedanken zu einem Krimi-Blog-Karussel.)

Chorgesänge

Sonntag, 03. Juni 2007

Wenn man monatelang mit dem Chor für das nächste Konzert geprobt hat, durch Höhen und Tiefen der Madrigalmusik gekrochen ist, ein ganzes Wochenende nur noch mit Singen verbracht hat und einen Sonntagmorgen mit verkaterten Sangesschwestern und -brüdern durchgemacht hat, dann kann es sein, dass ganz am Ende nur noch das Allerbanalste übrig bleibt und im Ohr rumspukt. In meinem Fall die Vertonung eines Gernhardt– Gedichts von Uli Führe. Text: Witzig. Melodie: Witzig. Zu hören? Nächsten Samstag, von der Chorwerkstatt. Zusammen mit durchaus auch ernsteren Gesängen.

Invasion der Außerirdischen – muss das sein? Ja!

Samstag, 26. Mai 2007

Ausnahmsweise lade ich die ganze Klasse zu mir ein. Und noch ein paar Freunde. Kein Problem, ein paar Chips, was Süßes, Getränke sollen die mitbringen … ach ja? Kein Problem? Die Frage ist doch: Wie gut muss man aufräumen/putzen/einkaufen/bereitstellen/kochen/Kram aus dem Weg räumen … um kritische Gäste zufriedenzustellen? Kais aus Tunesien hat schon gefragt: Welche Musik hast du denn? Kochst du uns was Asiatisches? Und Manef wollte wissen: Können wir auch nach Mitternacht noch kommen? Dazu malen sich alle freudig aus, wie sie meine Nachbarschaft für uns interessieren könnten.
Vor meinem geistigen Auge: Zwanzig Leute drängen sich auf dreißig Quadratmetern und sehnen sich nach einem Sitzplatz. Es gibt nichts zu trinken und mein Curry-Reis ist misslungen. Jemand öffnet aus Langeweile die falsche Schublade und kommentiert laut und zur allgemeinen Begeisterung den Inhalt …
Ich bin mir jetzt nicht mehr sicher, ob diese Party heute Abend eine gute Idee war. Mehr dazu: morgen. Wenn das Haus noch steht.

Nachtrag, vom Sonntag:

Es soll ja Leute geben, die Mordsstress machen, bevor sie Gäste bekommen. Warum bloß? Nette Menschen kommen ins Haus, bringen was mit, man redet, man isst, hört Musik, Manef macht komische Fotos, Thuy gewinnt beim Malefiz, Mai ärgert sich übers Rausgeschmissenwerden, Kais nimmt eine zweite Portion Curry-Reis, Abdu unterhält sich mit Irina, Uliana schließt die Augen … wo ist das Problem? Keine Ahnung. Hier gibts kein Problem!
(War schön. Danke, dass ihr hier wart)

Und jetzt Schluss mit der Klassenreportage.

Und dann mit der Klasse ins Kino!

Mittwoch, 23. Mai 2007

Wenn eine Klasse siebeneinhalb Monate durchgehalten hat und sich Tag für Tag stundenlang mit Genitivattributen und Relativpronomen hat quälen lassen, ohne aufzumucken, dann darf man sich hinterher auch mal was gönnen: Wir sind gestern zum Potsdamer Platz gefahren und ins Kino gegangen. Das war ein ganz doller Film, so eine Art Naturfilm. Ein ganz lieber junger Mann mit Kulleraugen verwandelt sich ab und zu in eine Spinne, um die Menscheit zu retten. Ein trauriger Mörder verwandelt sich in einen Haufen Sand und braucht Geld, um sein armes Töchterlein zu retten, von dem später nicht mehr die Rede ist. Ein alter Freund verwandelt sich in einen geistesgestörten Skateboardfahrer und wieder in den Freund und wieder zurück, um am Ende von vielen Tränen berieselt zu sterben. Und ein karrieregeiler Fotograf verwandelt sich in ein schwarzes Monster mit Zackenzähnen, weil ihn der böse schwarze Schleim aus dem Weltall umschlungen hält. Super. Am Schluss dreschen dann alle wie wild aufeinander ein und sind dann entweder tot oder gut oder beides. Die Schöne wird mal wieder vor dem Absturz gerettet, während das Volk wie gehabt unten auf der Straße steht und starrt („lasst doch mal das Kind vor“) und kreischt, wo es angebracht ist. Damit der Film auch wirklich für jeden was ist, hat man für die Mädchen endlose Schmachtszenen, Beziehungsgespräche, Sternschnuppen und Missverständnisse eingebaut. Die Jungs kriegen hammerharte Gewaltszenen serviert, die so schnell ablaufen, dass mir die Tränen kommen, weil ich mit dem Blinzeln nicht hinterherkomme. Schluchz. Letztendlich ein wildes Wechselbad aus Schmalz und Piffpaff, das nach endlosen 140 Minuten wirklich jeden zufriedengestellt haben sollte.

Höhepunkt des Abends war das köstliche italienische Eis hinterher, meine Lieblingssorte nach wie vor: Dolce Latte. Deutsche Latte? Das hat dann auch der Klasse gefallen.

S-Bahnfahrt mit Kuschelfaktor

Montag, 21. Mai 2007

Den Berlinern wird ja oft nachgesagt, dass sie eine große Klappe haben und Leute schneller anschnauzen, als das in anderen Landesteilen üblich wäre. Heute aber war ich doch beeindruckt von der Friedfertigkeit meiner Mitmenschen hier! Vielleicht lags ja an der Hitze.

Ringbahn, mal wieder. Auf dem Bahnsteig Bundesplatz drängelten sich schon massig Menschen (17 Uhr), eine Bahn fiel wohl aus, denn es kamen immer noch mehr von unten nach, ohne dass die oben abtransportiert wurden. Endlich doch die Bahn Richtung Neukölln, gen Osten sozusagen. Alles presste sich rein, auch dieser hartnäckige Radfahrer, der nicht die geringste Neigung zeigte, ein Radfahrerabteil zu nehmen, nein, er suchte offensichtlich die kuschlige Nähe eines normalen Wagens. Keiner murrte, keiner (außer mir) runzelte die Stirn. Station um Station kletterten die Leute wacker um das überdimensionale Radl rein und raus, man stand Backe an Backe; Schweißperlen kullerten über Gesichter, glasige Blicke, wohin man sah. Eine nervtötende Jugendliche (strohblond, Unterlippenpiercing, falls ihr sie seht) ließ ununterbrochen ihren Kaugummi zerplatzen, Knall, Päng! Doch alle starrten unbeirrt vor sich hin, höchstens ein kleines, verschrecktes Zucken hier und da. Die nicht mehr ganz taufrische Studentin mir gegenüber klammerte sich an ihrem Lehrbuch „Chinesisch lesen“ fest, hatte aber offensichtlich nicht mehr die Kraft, sich ihre Lektion reinzuziehen. Überall im Gang standen sie, manche mit verweifelten Blicken auf die Sitzenden. Wollen die nicht endlich aufstehen und mich sitzen lassen? Und jeder blieb auf seine Weise hartnäckig. Keiner sprach, zu erschöpft wahrscheinlich.
Ich war jedenfalls sehr beeindruckt. Auch als ich endlich in Neukölln über das Fahrrad klettern und an die schwüle frische Luft durfte, war keiner ermordet worden. Keiner hatte mit Schreikrampf am Boden gelegen. Und kein Mensch hatte auch nur eine leise Kritik an irgendetwas geäußert. Tapfer, die Berliner. Bis zuletzt.

An dieser Stelle will ich ganz herzlich all meine lieben, tapferen Schüler grüßen, vor allem die, die am Dienstag eine Prüfung haben! Zum Beispiel Abdu aus Tunesien: Viel Glück!