Archiv für Mai 2007

Tony 8

Sonntag, 13. Mai 2007

Lästig ist, wenn man die Frauen erst bitten muss zu gehen. Gab heute noch eine ziemlich unhübsche Szene, aber mal ehrlich: Abends sehen die doch meist verdammt viel besser aus, oder? Außerdem will ich meine Hallen für mich; ich kann morgens sowieso kein Gequatsche ertragen, vor allem kein Weibergequatsche von wegen “Wollen wir uns wieder treffen?” oder “Oh Tony, du und ich, weißt du, ich glaube …” nee danke, da wird mir übel. Abends unterwegs läuft das ja immer ganz locker ab, auch die Schnecke von heute war völlig unverkrampft. “Was, du wohnst in einem Loft, oh cool, darf ich das mal sehen?” Und dann später “Oh wow, da kriegt man ja richtig weiche Knie!” hauchte die und warf sich mir an den Hals. Was soll man machen? Da sag ich doch nicht nein, oder? Aber wie gesagt, morgens ist dann Schluss mit lustig. Immerhin hat sie ja noch einen Kaffee gekriegt.
Ist schon komisch mit Hausbesuch. Meistens überlasse ich es ja den Ladys, ob was läuft oder nicht. Den großen Eroberer will ich schließlich nicht raushängen, kommt heutzutage auch nicht mehr sonderlich gut.
Nur ganz selten, da werde ich plötzlich schüchtern. Ich weiß, das könnt ihr euch jetzt nicht so gut vorstellen. Aber ganz selten gefällt mir eine. Dann rede ich auf einmal üblen Stuss, fasle was von meiner Asienzeit oder wo man in Berlin gute Lederklamotten herkriegt, echt schlimm. Und dann verschwindet die wieder, nix ist gelaufen und ich sitze da zwischen meinen Riesenwänden.
Aber davon wollte ich gar nicht erzählen, sorry! Bin dann spontan losgefahren, einfach nur raus; erst mit meiner U7, dann Naukölln einfach in die nächste S-Bahn, die so kam. War eine nach Spindlersfeld. Klingt gut, dachte ich. Das wurde auch tatsächlich immer grüner unterwegs, was will Mann mehr? Endstation: raus. Da stand ein Bus rum, okay, nehme ich, dachte ich. Und der fuhr am Schloss Köpenick vorbei, das wollte ich mir näher ansehen! Ich also raus. Und mitten ins tiefste Muttertagsgetümmel, ich habs mir so richtig gegeben! Mal nicht Neukölln. Bierchen am Spreeufer, launige Nachbartische mit Eisbein oder Rieseneisbecher. Spatzen, die auf Beute aus waren. Dann: an der Spree entlang, und da bietet sich doch tatsächlich auch noch ein Ausflugsdampfer an, mich Richtung Heimat zurückzuschippern. Mache ich. Die Muttchen wundern sich etwas über mein schwarzes Outfit, auch egal. Ich starre aufs Wasser und wundere mich über mich selbst.

Tony 7

Sonntag, 13. Mai 2007

Während ich heute in meinem Neuköllner Loft meine ersten Qi-Gong-Übungen des Tages absolviere, ruft ein völlig entnervter Andreas an. Eine Katastrophe! Er wisse nicht mehr aus noch ein! Mürrisch beruhige ich ihn und kann schließlich den Grund seiner Verzweiflung rauskriegen. Nein, die Polizei ist ihm noch nicht auf die Schliche gekommen. Und keiner hat seinen Roman verrissen, denn keiner hat den Ramsch gelesen. Nö, er hat einfach den Muttertag vergessen! Ich bezweifle zwar, dass das seine greise Mutter zur Kenntnis nimmt, empfehle ihm aber einen locker-flockigen Anruf, just in case: Vielleicht hat sie ja gerade heute ihren klaren Tag und wird ihm sonst für den Rest des Jahres gram sein?
Bin ich froh, dass ich allein bin. Dachte ich und wandte mich meinem Bett zu, in dem noch eine mir namentlich unbekannte Nixe schlummerte. Vielleicht muss die ja auch noch an ihre Mutter denken?

Tony 6

Samstag, 12. Mai 2007

Manche in meinem Bekanntenkreis meinen, ich erscheine wie ein grimmiger Geist, wenn ich so in meinem langen, schwarzen Ledermantel die Straßen Neuköllns durchwandere. Alles Quatsch. Ich bin kein Geist. Sie können mich alle sehen, das ist doch schon Beweis genug. Und wenn sie mich sehen und dabei ganz zufällig an den Mist denken, den sie gerade bauen, dann solls mir recht sein.
Gestern U 9, Bundesplatz: Wieder einer dieser Fahrgäste, die die U-Bahn nur rauchend erwarten können. Manche werfen ihre Zigarette wirklich erst im letzten Moment in den Mülleimer, als würden sie an ihrem Glimmstängel festkleben. Immer wieder fangen dann die Mülleimer an zu rauchen, weil brennende Zigaretten und alte Zeitungen eine ungute Verbindung eingehen. Für einige ist der Gestank dann so beängstigend, dass sie sich nicht auf den Bahnsteig wagen. Gestern aber: Die U-Bahn fährt ein, Ansage, Leute strömen, der Typ will die Zigarette wegwerfen – und schafft es nicht. Ein paar bleiben kurz stehen, um das Schauspiel zu beobachten: Ein Mensch, der wie wild mit der Hand in der Luft herumfuchtelt, zu schreien anfängt, zu hopsen, aber die Zigarette löst sich nicht von seiner Hand! Dann steigen auch die letzten bedauernd ein; schade, sie hätten gerne noch eine Weile dieser interessanten Vorführung zugesehen, wofür der wohl werben wollte? Auch ich fahre mit leisem Bedauern weiter, “zurückbleiben bitte!”.

Tony 5

Donnerstag, 10. Mai 2007

Es gibt Menschen, denen es eine grimmige Freude bereitet, andere zu quälen. Keine Ahnung warum. Heute in der Ringbahn zum Beispiel: Der Typ dreht seine Beschallung lauter. Und noch lauter. Bis wirklich alle wissen, dass er ein Freund von Technomusik ist. Man mag ja in solchen Momenten entzückt die Augen schließen und an die letzte Techno-Party auf Bali denken, 48 Stunden durchgetanzt, wenn einem sowas gefällt. Mir nicht. Ich sehe ihn an, ohne dass er mich bemerkt. Und was passiert? Sein süffisantes Dauergrinsen verschwindet. Stattdessen verzieht sich sein Gesicht immer schmerzhafter. Er reißt die Kopfhörer von den Ohren, schreit laut auf. Trampelt verzweifelt auf seiner Musikquelle herum und stürzt beim nächsten Halt aus der S-Bahn. Die anderen Fahrgäste sehen ihm nach, nicht unbedingt mit Bedauern. Und auf allen Gesichtern breitet sich ein kleines, zufriedenes Lächeln aus. Ruhe.

Tony 4

Mittwoch, 09. Mai 2007

Neukölln, ja Berlin hat etwas ganz Besonderes. Grüne Oasen, an denen Tiere leben, die man sonst nicht sieht. Es ist ruhig dort und keine Hunde hinterlassen ihre Berge. Keine Kinder schreien, keine Leute keifen (normalerweise), und die Luft ist so frisch gefiltert, dass man sich den Österreichurlaub sparen kann: Ich rede von den Friedhöfen. Hier in der Gegend kenne ich fast alle, aber natürlich habe ich meine Lieblingsecken. Ungestört kann ich da meinen Tai-Qi-Übungen nachgehen; Fotos von seltsamen Gräbern machen. Und den Toten zeigen, dass jemand über sie wacht, muss ja schließlich einer machen. Heute: Zwei Jugendliche, die mit extrem verdächtigen Bewegungen und Blicken zwischen den Grabsteinen herumhuschen. Sie sehen mich – und verdünnisieren sich panisch. Doch gut, dass ich immer schwarz gekleidet bin, nicht sonderlich klein und nicht sonderlich rasiert. Die zwei reagieren so ängstlich, dass ich mich doch frage, was sie angestellt haben oder was sie vorhatten. Sie bekommen einen langen Blick von mir hinterher geschickt, und plötzlich fangen sie an zu rennen. Man könnte meinen, beide hätten mit einem Mal Durchfall bekommen und müssten nun fluchtartig den Friedhof verlassen. Schade aber auch.
Ich beobachte noch ein Eichhörnchen, das sich nicht von mir stören lässt. In den letzten Jahrzehnten habe ich ehrlich gesagt schon viele Länder bereist – in Nicaragua drei Jahre rumgezogen, Kenia, Namibia immer wieder, China zwei Jahre, Japan fünf Jahre … aber die Neuköllner Friedhöfe sind einmalig. Vor allem die Eichhörnchen.

Heute Abend mal wieder Schachabend mit Andreas. Bin schon gespannt, was der wieder zu erzählen hat. Bier und Chips warten schon.

Sprachberatung: Des Mannes – des Kollegen?

Mittwoch, 09. Mai 2007

D. aus Nepal möchte wissen, warum manche Wörter im Genitiv kein “s” am Ende haben, obwohl sie maskulin sind.

Es gibt eine Gruppe von maskulinen Nomen, die zur sogenannten n-Deklination gehören. All diese Nomen haben im Akkusativ, Dativ und Genitiv ein “n” oder “en” am Ende.

Beispiele:
Der Affe, der Bauer, der Herr, der Elefant, der Demonstrant,
der Produzent, der Biologe, der Automat …

Anwendung:
Ich fotografiere den Affen.
Ich spreche mit dem Affen.
Ich suche den Namen des Affen.
Aber:
Wo ist der Affe? (Nominativ)

Tony 3

Mittwoch, 09. Mai 2007

Morgens in Neukölln: Ich beobachte mal wieder. Da sind die Zur-Arbeit-Geher, die mit hektischen Blicken signalisieren, dass sie ein Ziel haben und wahnsinnig wichtig sind. Arme Würstchen. Am schlimmsten die mit Krawatte oder Stöckelschuhen. An der Leine, eingezwängt den ganzen Tag!
Dann gibt es die eiligen Behörden-Gänger. Sie sind schon weniger korrekt gekleidet, haben aber oft diesen angespannten Blick: Wird mir das Wohnamt diesmal den Zuschuss gewähren? Muss ich noch eine Kopie zur Bundesagentur schleppen?
Dann gibt es die Verdächtigen und Untätigen. Schulkinder und Jugendliche, die zu dieser Zeit nichts auf der Straße verloren haben. Alkoholisierte, die sich nur noch mit Mühe an ihrer Bierflasche festhalten.
Und natürlich die senilen Bettflüchter, die eilig zur Supermarktkasse drängen, um dort dann ihre Cents zu zählen. Damit das Leben irgendwo noch einen Sinn hat.
Dazwischen natürlich ganz normale Chaoten, die das Leben genießen oder hassen, je nach Tagesstimmung. Türkische Hausfrauen. Künstler. Und mich, der immer auf der Suche nach einem guten Schnappschuss ist.
Was mir aufgefallen ist: Die Deutschen hasten aneinander vorbei. Türken kommunizieren miteinander und man kann das unsichtbare soziale Netz ahnen, das sie viel mehr miteinander verbindet als uns Deutsche. Im türkischen Supermarkt kann der (türkische) Kunde auch mal anschreiben lassen, wenn er nicht genug Geld dabei hat. Bei meinem türkischen Friseur scheine ich der Einzige zu sein, der die dort üblichen zehn Euro rausrückt: Noch nie habe ich dort sonst jemanden bezahlen sehen, und mein Schein ist vielleicht ganz einsam in der Kasse! Als ich neulich nur zwanzig Euro dabei hatte, konnte man mir leider nicht rausgeben … Wenn die Polizei hier versucht, türkische Jugendliche festzunehmen, sind blitzschnell die Ladenbesitzer auf der Straße und sehen nach dem Rechten, nach dem Motto “Darf die Polizei das denn?”. Beneidenswert, von so einem Netz aufgefangen zu werden.
Zwischen Karl-Marx-Straße und Reuterstraße, so ein Stück nördlich von meiner U-Bahn-Station Rathaus Neukölln, da ist ein Durchgang, ein schmaler Weg. Ein kleines Stückchen Türkei. Abends sitzen die Ommas mit ihren Wasserpfeifen schwatzend zusammen. Die größeren Jungs spielen Fußball und die kleinen Kinder haben einen netten Spielplatz, auf dem sie ungestört Unfug treiben können. Denn die Ommas und Mammas (Anes) wollen ihre Ruhe. Neulich dort bei einer der kleinen Holzhütten gehört, von einer etwa Fünfjährigen: Komm, wir gehen jetzt da rein und machen Sex!
Freudige Erwartungshaltung bei den anderen Kleinen. Süße Kinderchen, unschuldige Neuköllner Spielchen …

Tony 2

Montag, 07. Mai 2007

Was mir heute unterwegs nicht gefallen hat: Autofahrer, die extra an den Straßenrand fahren, um mich harmlosen Fußgänger zu durchnässen.
Drei Jungtussen, die wildest aufgemotzt in der S-Bahn tratschen und dabei ihrem Hass auf Türken freien Lauf lassen. Zitat “Ick hasse die Viecher.” Dito.
Eine jüngere Frau, die mit ihren Klack-Klack-Schuhen die ganze U-Bahn-Station Heidelberger Platz zum Hallen gebracht hat. Macht denen das eigentlich Spaß, solche Schuhe zu tragen?
Versteht mich nicht falsch, ich bin ein Mann, der weiß Gott viele nicht von der Bettkante stoßen würde, aber manches bei den Frauen kann ich einfach nicht verstehen. Schuhe zum Beispiel. Oder die Frechheit! Wenn ich so auf Achse bin, beobachte ich immer wieder, dass eindeutig die Frauen die aggressiveren Leute unterwegs sind. Klar, Typen sind vielleicht lauter. Aber wenn mich Frauen manchmal anbaggern, muss ich mich schon wundern. Sicher, ich sehe nicht schlecht aus für meine fünfzig Jährchen. Haare noch schwarz und nicht sonderlich kurz. Meistens schwarze Lederhose und Lederjacke. Aber bin ich deshalb gleich Freiwild?
Übrigens: Andreas will mir das immer gar nicht so glauben. Ist ja nun wirklich kein Held, der Junge. Aber er hat angefangen, einen scheußlichen Arztroman zu schreiben. Richtig eklig, ist schon fast wieder gut! Ab und zu gibt er mir was davon zu lesen. Er hat ja sonst niemanden.

Schwester Irene war neu auf Station, aber sie wusste sehr schnell, wer der begehrteste Mann dort war. Nicht etwa Oberarzt Doktor Schellenbeck, nein. Der aufstrebende Jungarzt war es, Doktor Prätensius: Blond, breite Schultern, die zum Ausheulen geradezu einluden; ein dezenter Zweitagebart und diese feine Goldrandbrille, die das Herz der unerfahrenen Schwester zum Beben brachte. Und doch ahnte sie auch schon bald: Sie war für ihn nur ein Nichts.

Meine Güte, Leute, das ist schon eine ganz schöne Zumutung. Aber Andreas braucht etwas Aufmunterung, also habe ich ihn nicht niedergemacht. Die Polizei war noch mal bei ihm und wollte eines seiner Küchentücher haben, reine Routine sagten sie. Na denn Prost. Ich mische mich da ja nicht ein.
Was mir heute unterwegs übrigens exotisch vorkam: Zwei alte deutsche Damen, aufgepretzelt mit Gold und Perlen, Rüschen und Handtäschchen (sowas gibts noch!), die sich in der S-Bahn unterhielten. Über Hanni und ihre verkorkste Ehe mit dem Spanier und der Geldknappheit nach der Scheidung.
Heute einige nette Fotos geschossen. In aller Heimlichkeit, klar.

Dem miesen Autofahrer mit der Pfütze habe ich einige richtig böse Gedanken hinterher geschickt. Komisch irgendwie, dass der daraufhin ins Schleudern kam und mitten auf der Karl-Marx-Straße gegen einen Pfosten knallte. Schade aber auch. Als ich dann hinterm Rathaus Neukölln abbiegen musste, habe ich nur noch die Sirenen gehört, und irgendwelche Brüllereien. Fast bis zur Sonnenallee ging das.

Tony 1 (Beginn der unglaublich spannenden und ereignisreichen Neuköllnsaga)

Sonntag, 06. Mai 2007

Tach. Bäumler beim Name, Tony Bäumler. Eigentlich heiße ich ja Antonius, weil meine Eltern damals vor fünfzig Jahren plötzlich so einen katholischen Heiligenrappel bekommen haben und ihr Kind dafür strafen wollten. Na ja, hat sich inzwischen auch wieder gelegt, der Rappel jedenfalls. Die Strafe weniger.
Jedenfalls soll ich hier manchmal schreiben, weil ich so viel in Neukölln und Berlin rumkomme, meint Franziska. Okay, kann ich machen. Außerdem behauptet sie, ich hätte sowas wie das zweite Gesicht und könne in Menschen sehen. Ist zwar Quatsch, klingt aber gut. Richtig ist, dass ich manchmal Dinge merke, die andere nicht zur Kenntnis nehmen. Kann ich aber nichts für.
Was gibts sonst noch zu sagen über mich? Einmal pro Woche spiele ich Schach mit einem alten Bekannten, Andreas heißt der. Der ist vielleicht ne Type! Manchmal schweigen wir uns einfach nur drei Stunden an, auch recht. Manchmal aber erzählt der Sachen, da haut es einen aus den Socken. Gestern zum Beispiel: Ausnahmsweise gönnte er sich auch ein Bierchen bei mir, was ja schon ein Weltwunder an sich ist. Und dann legte er los, mit gelöster Zunge sozusagen. Er habe seine Nachbarin erdrosselt und sowas. Völliger Irrsinn! Und jetzt sei er gespannt, wie die Polizei ermittle und ob er das wiederholen könne. Ja gut, er ist eben ein Spinner, aber harmlos.
Übrigens: Ich fotografiere. Ich will nicht sagen, dass ich Fotograf bin, das klingt schon so hochtrabend. Meinen Alltag verbringe ich einfach damit, durch die Straßen hier zu streifen und Fotos zu machen. Situationen festzuhalten. Ein paar davon kann ich sogar verkaufen, sodass ich mich nicht immer nur von Wasser und Fladenbrot ernähren muss.
Also dann – bis demnächst!