Archiv für die Kategorie 'Alltag'
ganz doll cool – in Neukölln
Sonntag, 04. November 2007Als türkischer Jugendlicher in Neukölln hat mans aber auch nicht leicht! Man kann nicht einfach nur die Karl-Marx-Straße entlangschlendern, nee. Man muss sich das Handy lässig ans Ohr drücken und wilde türkische Diskussionen bestreiten, zwischendurch kräftig ausspucken und einen Gang zeigen, der so verwirrend breit- bzw. o-beinig ist, dass man als Betrachterin schon nachdenklich wird. Ist das noch gesund? Ist irgendwas los mit seiner Männlichkeit? Dazu trägt er die zurzeit obligatorische Kapuzenjacke, wahlweise in Schwarz oder gestreift, die sind ganz in. Ob Stoffjacken bei Regenwetter cool bleiben, ist Nebensache.
Die Straße überquert er nicht etwa bei Grün, nein, bei Rot und intensiver Handybeschallung, sodass der heranbrausende Autofahrer zaghaft stehen bleibt, man kann ja nie wissen. Unser Freund wirft ihm nur einen ärgerlichen Blick zu und schwingt sich dann lässig über das Geländer am Straßenrand, weil ja Absperrungen nur verklemmte Spießer und Deutsche abhalten, nicht aber unseren jugendlichen Helden aus der Türkei.
Schade irgendwie, dass er nicht auch zu Hause mutig der Mutti den Müll runterbringt, sondern schon hier das Machodasein probt. Zumindest, solange Papa nicht zu Hause ist.
gestern, in Berlin
Freitag, 02. November 2007Es ist ja durchaus verständlich, dass man als Zweiradfahrer auch mal auf den Bürgersteig ausweicht, wenns auf den Straßen zu voll ist. Gestern so Richtung Alex muss es wohl so voll gewesen sein, dass auch ein motorisierter Zweiradfahrer diesen Weg gesucht hat. Na wir haben ja auch hier vielleicht noch Verständnis. Die Tatache, dass der Motorradfahrer ein Polizeibeamter war, bestärkt den Betrachter natürlich nur in der Annahme, dass sein Vorbeibrausen an den ruhenden Automassen unbedingt für die Menschheit notwendig war. Etwas irritierend fanden die Passanten aber die gellenden Schreie einer älteren Frau, die dem Polizisten hinterherrannte; und das Ding, das er aus unerfindlichen Gründen mit sich zog und das durch die zügige Fahrt ordentlich auf und ab geschleudert wurde. Es hing an einer Art Seil am Motorrad. Erst als der rasende Beamte zum Stoppen gebracht wurde, stellte sich heraus, dass das Ding dummerweise der Hund der schreienden Dame war. Er hörte dann auf sich zu bewegen, und sie hörte nach einer Weile auch auf zu schreien.
Vielleicht sollte man auf einem Bürgersteig doch mal flüchtig nach gespannten Hundeleinen und anderen Dreistigkeiten Ausschau halten; auch wenn man unser Freund und Helfer ist.
Müll im Briefkasten
Donnerstag, 01. November 2007Es reicht ja schon, wenn ich im wirklichen Leben Dinge im Briefkasten finde, die ich wirklich nicht haben will. Rechnungen zum Beispiel oder gebrauchte Taschentücher. Beim Leeren des virtuellen Briefkastens aber merke ich erst, wie viele liebe Menschen an mich denken, und das in aller Welt! Toll. Hier also die längst fällige Botschaft ins All, die garantiert nichts bewirken wird und ganz sicher niemand lesen wird, der dann etwas ändert. Muss aber trotzdem raus.
Nein lieber Fremder, ich brauche keine Verlängerung meines besten Stücks. Was immer das sei, vielleicht meinen die ja den Staubsauger oder meinen japanischen Kugelschreiber. Und nein, ich will in der Sauna nicht von den anderen Männern beneidet werden. Ich gehe nicht in die Sauna. Ich will auch nicht wissen, wie ich meine Freundin garantiert glücklich mache. Das erzählt sie mir dann schon selbst beim Weibertratsch am Telefon! Ich brauche kein Mittelchen, um die ganze Nacht durchhalten zu können. Schließlich benötige ich meinen Schönheitsschlaf, was soll denn das? Heute habe ich sogar gelesen, dass die Hosenmaus zu einem einäugigen Riesenmonster werden kann. Na reizend. Unsere zwei Meerschweinchen reichen mir, schon allein was die an Heu verfuttern, da müssen die weiß Gott nicht größer werden! Also, liebe Spamverschicker: Danke! Es ist sicher sehr fürsoglich, mir immer neue Anregungen für den Alltag zu geben. Aber ich brauche sie nicht. Ihr könnt jetzt wieder damit aufhören.
Süßes und ein wenig Saures
Mittwoch, 31. Oktober 2007Also drüben in Amiland, da ist dann ja richtig was los auf den Straßen und an den Türen und die Leute halten tonnenweise Süßigkeiten bereit, um sich die Jugend vom Hals zu schaffen. Hier in Neukölln ist davon nichts zu spüren und es hat überhaupt niemand an der Tür geklingelt. Letztes Jahr haben wir dann alle Süßigkeiten selbst gefuttert, dieses Jahr haben wir erst gar nix gekauft. Aber wir haben uns heute Abend ins benachbarte Kreuzberg gewagt! Und da war die Jugend durchaus unterwegs und erfolgreich. Während Mütter gemütlich in den Häusern schnacken, ziehen kleine harmlos maskierte Grüppchen los und lernen neue Menschen kennen. Mein Spruch „Und nehmt ja keine Süßigkeiten von Fremden!“ fand nur mäßigen Applaus. (Ich fands ja lustig.) Und sie nahmen Süßkram von Fremden! Manche der Heimgesuchten entschuldigten sich ja, sie hätten nichts Süßes. Einer rückte zwei Euro raus, ein anderer eine Röhre mit Vitaminbrausetabletten. Hm. Ein finsterer Typ im Boxerhemd riss energisch die Tür auf und wollte grimmig wissen, was die Kinder wollten. „Süßes oder es gibt Saures“ kam die schüchterne Antwort, worauf er gerührt grinste und seine Süßvorräte plünderte. Nicht schlecht! Die Schachtel mit den alkoholgefüllten Trüffelpralinen habe ich inzwischen bekommen. So kann ich mich denn nicht über neumodische amerikanische Gepflogenheiten in deutschen Landen beschweren!
Ausflug ins Schwabenland
Dienstag, 23. Oktober 2007Wenn ein Berliner Schulkind Herbstferien hat, muss man nicht unbedingt in der Großstadt weilen – nö, man könnte sich ja auch mal aufs Land wagen! Zum Beispiel aufs schwäbische. Da kriegt man wieder ganz andere Eindrücke als in Neukölln, is doch auch mal was. Schon im Zug gehts los: Je weiter südlich wir reisen, desto behäbiger wirds. So findet es der ältere Herr mit dem eleganten Stuttgarter Schwäbisch auch ganz selbstverständlich, dass er (als Einziger) seinen Koffer im Gang abstellt und seinen Mantel an den Haken weit weg von sich hängt, Hauptsache Haken. Sodass nun fremde Leute seinen Mantelmief inhalieren dürfen. Reizend. Er quittiert es mit einem Achselzucken und einem gegrinsten „Gehtnichtanders“.
Nach weiteren ziemlich unangenehmen belauschten Zuggesprächen sind wir endlich angekommen. Und bevor ich noch weiter meckere, muss ich mal ganz heftig die traumhafte Sonne, die sommerlichen Temperaturen und die grünen Hügel loben! Doch, die Natur da hat schon was. Und auch als es im Laufe der Woche herbstlicher wird und wir über Felder rasen, um den kleinen Flieger zum Fliegen zu bringen, bin ich absolut zufrieden. Nur mit dem zwischenmenschlichen Aspekt hapert es manchmal, ist man in Berlin doch einfach cooler. Da sitze ich zum Beispiel im Wartezimmer eines einheimischen Hausarztes und kriege kaum Luft. Nein, keine gesundheitlichen Probleme, ich habe ja nur die ältere Generation begleitet. Aber dieser selbstzufriedene Typ im Anzug hat sich so mit Rasierwasser eingedieselt, dass der Raum davon vollhängt. Nä, uncool. Der begrüßt die Neuankömmlinge auch mit einem unpassenden „Guten Tag“, wo wir doch im Grüß-Gott-Land sind!
Ich dagegen habe schon im Zug den Schaffner freudig landesüblich begrüßt. Tja, gewusst wie! Aber immer schaffe ich es doch nicht, die richtigen Worte zu finden. Beim Bäcker verlange ich glatt einen Pfannkuchen, und erst nach Nachfragen der Verkäuferin gebe ich zu, dass ich einen Berliner will. Wie konnte das denn passieren! Auch das Laugenbrötchen wird von ihr schnell in ein Laugenwecken verwandelt und ich bins zufrieden. Schmeckt ja auch besser als anderswo.
Dass die Leute langsamer und oft auch freundlicher sind als hier in der Hauptstadt, ist manchmal ja auch ganz nett.
Da war zum Beispiel die Sprechstundenhilfe, die mich anstrahlte und fragte, wann es denn bei mir soweit sei! Ich habe dann bestürzt gedacht, dass ich vielleicht doch weniger Pralinen essen und nicht so weite Sweatshirts bevorzugen sollte …
Das Schlimmste im Schnäppchenparadies Nummer eins sind übrigens die Schnäppchenjäger. Vielleicht sollte ich dazu erklären, dass mein Heimatstädtchen am Rande nett und grün und angenehm ist. Im Zentrum aber hat sich in den letzten Jahrzehnten der Irrsinn ausgebreitet und ständig kommen neue namhafte Outlets hinzu, was immer das nun eigentlich sei. Horden von tütentragenden Chinesen, Italienern, München und Hamburgern überfluten die Straßen und haben dann so geistreiche Gespräche wie „Mensch du, bei XY waren wir ja noch nicht drin!“, wobei sie die Taschen schon gar nicht mehr überblicken können! Grauslig. Vor allem die Unsummen, die da mal eben rausgehauen werden. Und die Gesichter und die Oberflächlichkeit.
Ich gönne mir für acht Euro einen Pyjama. Ätsch. Ein Lob auf die schwäbische Sparsamkeit!
Und sonst? Sehr zu empfehlen das Brot, auch der Käse vom Markt und der Schnaps vom Bauern. Entsetzlich der Verkehr, jeder düst ständig überall mit dem Auto hin, Fußgänger sind verdächtig!
Als wir zur Heimreise wieder im Zug sitzen, sucht ein altes Weiblein vergeblich ihren Sitzplatz. Ist auch schwierig, wenn man nur auf der einen Seite des Wagens nachsieht. Schließlich erbarmen sich ein paar junge Männer nichtschwäbischer Herkunft und helfen ihr. Anschließend machen sie sich über die in ihren Augen mangelnde Intelligenz der Schwaben lustig. Hm. Daran merke ich, dass wir das Ländle wieder verlassen und uns in die frechschnauzige Welt zurückbewegen. Inzwischen wieder im grauen Neukölln vermisse ich dann doch etwas die süddeutsche Lieblichkeit. Man kann eben nicht alles haben!