Archiv für die Kategorie 'Alltag'

Verschwörung

Sonntag, 04. März 2007

Schon als sie aus dem Haus ging, wusste sie, dass die Welt gegen sie war. Nicht so ein albernes „Die Welt hat sich gegen mich verschworen“, nein, sie wusste es wirklich und sah: In Neukölln der sonntägliche Flohmarkt war ohnehin schon nervig, heute aber parkte ein Wagen direkt vor ihr auf dem Bürgersteig, gleichzeitig plauderten zwei riesige Afrikaner so gemütlich und breit genau dort, dass an ein Durchkommen nicht zu denken war.
In der S-Bahn, (mal wieder): Eine mürrische Frau mit strähnigem Haar drängelte sich vor sie und setzte sich prompt an den Gang, sodass sie mühsam über Beine klettern musste. Auch das Wetter war entsprechend: Während im Süden Deutschlands die Sonne strahlte und Leute am Vorabend sogar die Mondfinsternis zu sehen bekommen hatten, versank Berlin im Grauschleier. Am Himmel und auf den Gesichtern der Menschen.
Aussteigen, umsteigen. Klar, dass sie von zwei rüpelhaften Radfahrern auf dem Bahnsteig fast an die Mauer gequetscht wurde, als die ihre Räder die Treppe runtertrugen. Finsteres Grollen ihrerseits. Wie machten die es nur, wie verständigten die sich untereinander, um sie fertigzumachen?
Rückweg. Inzwischen hatte sich sogar die Sonne durchgekämpft und auch die Menschheit schien etwas positiver. Sie las in der S-Bahn ihren Thriller, als sich ein Mann neben sie setzte. Aus den Augenwinkeln konnte sie weiße Pluderhosen sehen, Fliegerjacke, beim kurzen Hochblicken dann Glatze und roten Rauschebart. Faszinierend. Und da wusste sie auch, was all die Vorboten ihr hatten sagen wollen: Die Stunde der Abrechnung war gekommen.
Es war klar, dass Rauschebart irgendwann seine Bombe aus dem Rucksack ziehen würde. Ein Staunen und Raunen würde durch die Reihen gehen und sie würden verstehen und die Welt wäre eine neue …
Wie der ernsthafte Muslim, so stieg auch sie wieder Neukölln aus und blickte ihm noch versonnen nach. Ein Vater zeigte seinem Sohn den sonderbaren Gläubigen („Kuck mal, Glatze und nen roten Bart, da!“) während er entschwand. Sie ging wieder am Flohmarkt vorbei, diesmal zufriedener mit sich und der Welt. Gestank und Müll störten sie nun nicht mehr. (Auch nicht die sich wild streitenden Araber, die ihr nachsahen).

Sie lächelte.

Sonnenuntergang

Samstag, 03. März 2007

Wenn schon Berlin Anfang März so grau ist, so muss man sich die Farben eben anderweitig besorgen:
sonnenuntergang_kl.jpg

Nur ein Film

Mittwoch, 21. Februar 2007

Gestern sah ich einen japanischen Film, der von vier Kindern in Tokyo erzählt, die von ihrer Mutter verlassen wurden. „Ich muss arbeiten, seid schön brav!“ war so etwa das Letzte, was sie zu ihnen sagte. Dann kümmert sich der Älteste (12) um die Kleineren. Dumm, dass nach einiger Zeit das Geld ausgeht und damit Strom, Gas und Wasser versiegen. Was mich aber am meisten erschütterte: Dass sie wirklich versuchten, sich an die Anweisungen der Mutter zu halten! Nicht laut sein. Nicht auf den Balkon gehen. Fleißig lernen, ohne Schule und Anleitung allerdings.

Ein trauriger Film. Er hieß übrigens übersetzt „Keiner weiß es“. Ich frage mich, wie die Geschichte in Deutschland weitergegangen wäre.

Der Katzenmann

Mittwoch, 21. Februar 2007

Nein, mir schwebt kein Wesen mit übermenschlichen Kräften vor, das sich anmutig von Dach zu Dach schwingt. Früh morgens sehe ich hier gleich um die Ecke einen alten Mann mit seinem Fahrrad. Er hält an einer bestimmten Stelle an: Dort gibt es etwas Grün (schmuddelig) und eine Bank (noch schmuddeliger), und er klingelt plötzlich wie wild. Warum? Er ruft die Katzen herbei! Denen gibt er dann etwas zu fressen und unterhält sich mit ihnen. Auch mit den Passanten, von denen viele ihn schon kennen. Eigentlich doch schön, so einen bescheidenen Lebensinhalt zu haben. Keine Karriere. Kein Porsche. Aber jeden Tag den Katzen eine Freude machen. Hm.
Neulich sah ich dort auch einen, der fütterte die Tauben. Taubenmann?

sozial – asozial

Montag, 19. Februar 2007

Heute Morgen, vor einer Drogeriemarktfiliale. Da erst in zwei Minuten geöffnet wird, darf ich noch die anregenden Gespräche meiner Mitwarter belauschen. Gegenüber warten die Kinder der kleinen Kita munter auf einen Ausflug, Erzieherinnen und Mütter reden auf sie ein, Stimmung gut. Hier weniger.
Eine extrem Sonnenstudio-gebräunte Frau zischelt zu ihrem Mann:
Jetzt kuck dir mal den Kindergarten an, voll asozial, sage ich dir, det sieht man schon, so ein besch… Kindergarten, da würde ich nie mein Kind hintun, det is echt Sch… da.
Der Mann schweigt nachdenklich und sie proletet weiter und weiter. Ihre Ausdrucksweise ist leider so, dass ich sie hier nicht wiedergeben kann, man weiß ja nie, ob Kinder mitlesen.

Jetzt frage ich mich aber doch, was sie mit „asozial“ meinte. Gegen die Gesellschaft? Ohne soziales Denken? Vermutlich hat diese Frau ein gewisses Problem mit dem Ausdruck, denn sie verwendete ihn mehrere Male. Vielleicht mag sie niemand und sie ist ganz allein, nur mit ihrem Mann, der ihr nie widerspricht? Traurig. Nur gut, dass die fröhlichen Kinder das nicht mitgekriegt haben.

bunt

Sonntag, 18. Februar 2007

Wer sein Kind in Berlin zur Schule gehen lässt, muss sich auf sechs Jahre Grundschule einrichten. Das mag auch Vorteile haben. Wenn man aber nach der vierten Klasse dreist aufs Gymnasium wechseln will, gibt es Stress: Das Zeugnis muss halbwegs gut sein. Die Empfehlung vom Lehrer muss stimmen (wehe, wenn man frech war) und dann gibt es noch einen krönenden Test. Intelligenz (?) und Wissen der Kinder wird abgefragt. Da versammeln sich also etwa 60 Kinder mit dem entsprechenden Anhang in der großen Aula eines Neuköllner Gymnasiums, die Kleinen werden dann einzeln aufgerufen und in Grüppchen zum Test begleitet. So geschehen: Gestern, Samstag.
Das Aufrufen war dann richtig faszinierend: Erstens, weil ich hier in der Gegend selten so muntere, wache Kinder zu sehen kriege – keine Dumpfbacken unterwegs! Und zweitens, weil mir die Namen so gut gefallen haben. Sicher, ein „Felix Baumgärtner“ oder so war auch dabei, ein ganz normaler Deutscher. Die meisten Namen aber waren so exotisch und spannend wie ihre Gesichter: Indisch, chinesisch, natürlich auch türkisch und arabisch. Russisch und vielleicht kroatisch. Ich sehe: Das ist die Gesellschaft von morgen. Gar nicht übel.