Gegen den Strom

Freitag, 08. Dezember 2006 23:20

Wenn man mal morgens um acht Bahnhof Zoo ausgestiegen ist, dann weiß man: Es ist nicht immer gut, gegen den Strom zu schwimmen. Auch wenn ich jetzt keinen Aufruf für Anpassung loslassen will. Aber ich sehe manche Leute, die wütend versuchen, sich mitten durch die Masse zu kämpfen, die ihnen entgegenkommt. Wahnsinn. Und ich sehe Leute, die aus ihrem Strom ausscheren und sich an der Seite vorbeischlängeln wollen. Auch Wahnsinn. Dann haben die anderen nämlich gar keine Chance mehr! Ein paar unausgesprochene Regeln gibt es in solchen Situationen, sonst funktioniert es nicht. Man muss nur hinsehen!
Neulich regte sich eine Frau darüber auf: Wo gibt es denn sowas, dass man auf der Treppe rechts gehen soll?? Sie hatte das Ganze wohl noch nicht so richtig durchschaut. Selber schuld.

Angst? Nö.

Dienstag, 05. Dezember 2006 23:03

In die Ringbahn drängt eine laute Gang arabischer Jugendlicher, Jungs im Alter von 13 bis 16 oder so. Ich setze mich zwar ganz ans andere Ende des Wagens, aber wie das Schicksal so spielt – sie setzen sich genau neben mich und einen friedlich lesenden Studenten. Der hat ihre Aufmerksamkeit geweckt. Hey, was für ein Player ist denn das? Was lesen Sie denn da? Wie alt sind Sie? Er grinst nur etwas hilflos-freundlich und versucht weiterzulesen. Sie sind viele, über zwölf, setzen sich unter lautem Gegröle auf die Ablage, singen einen Song, der wohl ihre Gang-Hymne ist und tanzen dazu. Dann fragen sie den Studenten, ob sie ihm keine Angst machen, ob er sich bedroht fühle. Keine eindeutige Antwort. Anschließend Gruppenfoto, das gleich per Handy verschickt wird. Ohrenbetäubendes Geschrei, das ein bisschen an Kampfgeschrei erinnert.
Wieso fragt mich eigentlich niemand, ob ich Angst habe? Nein, ich habe keine Angst. Sie sind laut und jung und wollen Aufmerksamkeit. Mehr nicht. Mich lassen sie absolut in Ruhe.

Beim Aussteigen in Tempelhof rempeln sie dann noch ein paar deutsche Jugendliche an und beschimpfen sie unflätigst. Dann ist der Zauber wieder vorbei. Kleiner Ausflug der Jugendgruppe? Hm.

Tränen

Dienstag, 05. Dezember 2006 22:46

(Mir ging ja der Titel „Kindertränen“ durch den Sinn, aber dann fiel mir jene so entsetzlich traurige Geschichte von Ernst von Wildenbruch ein, die man nicht ohne Heulattacken überstehen kann – nein. Das muss denn doch nicht sein.)

Gestern an einer Neuköllner Grundschule: Ein Mädchen, etwa zehn Jahre alt, geht auf mich zu und weint so herzzerreißend, dass ich sie einfach fragen muss, ob ich ihr irgendwie helfen kann. Unter Schluchzern bringt sie endlich hervor, dass sie zu ihrer Freundin bloß gesagt habe, dass sie jetzt ein Kopftuch tragen wolle. Und die hat sie ausgelacht! Und will es jetzt allen erzählen, und dann lachen alle über sie!! Ich bin erschüttert. Das ist eine Gemeinheit! Als ich mit ihr zu der „Freundin“ im Hintergrund gehen will, verdrückt die sich und eine mürrische Erzieherin schickt das weinende Kind ins Klassenzimmer. „Macht das unter euch aus“, ist ihr trockener Kommentar. In mir bleibt ein richtig blödes Gefühl, versagt zu haben. Ich hätte ihr Mut machen sollen, jawohl! Selbst wenn ich nichts mit Kopftüchern anfangen kann, so hat keiner das Recht, eine andere deshalb auszulachen. Es ist ihre Entscheidung! (Danach habe ich sie übrigens auch befragt.) Vielleicht braucht eine junge türkische Muslimin in Neukölln das. Fertigmachen gilt jedenfalls nicht.

Dezembernacht

Montag, 04. Dezember 2006 22:25

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Rote Karte

Sonntag, 03. Dezember 2006 23:15

Ich finde das schön, dass jetzt mal Klartext gesprochen wird: Wer jetzt noch knausert oder typisch deutsche Miesepetrigkeit an den Tag legt, dem gehört die Rote Karte gezeigt! Jawoll! So sagt das ein wichtiger Politiker, und so denken zurzeit viele. Schluss mit traurig! Die Arbeitslosenquote geht runter. Die Mehrwertsteuer geht rauf. Alles saubere Gründe, jetzt loszustürzen und sich in das vorweihnachtliche Shopshopshop einzureihen. Was lese ich da von einer kaufberauschten Mutter? Eine Eisenbahn für ihren Sohn hat sie heute erstanden, für läppische 700 Euro! Na also, geht doch.
Ich finde das schön, wie gesagt. Was interessiert mich schon mein Kontostand vom Januar?

Finstere Gestalten der Nacht

Samstag, 02. Dezember 2006 15:26

Es gibt Zeiten und Orte, an denen ich lieber nicht mit einer ängstlichen japanischen Reisegruppe losziehen würde. Freitagabend, acht Uhr S-Bahnhof Frankfurter Allee zum Beispiel! Das kann schon richtig furchterregend sein. Vielleicht ist es ja die wilde Mischung: eine Gruppe von riesigen, martialisch aussehenden Soldaten in Wochenendstimmung; Jugendliche in extrem kurzharigem Outfit, laut brüllend, offensichtlich im Gruppenrausch; fünfzehnjährige Mädchen, die sich so schrill herausgeputzt haben, dass ich mich wirklich frage, ob die Eltern das gesehen haben … Dazwischen alkoholumwehte abgestürzte Gestalten, erschöpfte Arbeiter auf dem Heimweg, verdreckt von harter Arbeit. In Neukölln steigen dann noch abenteuerlustige türkische Jugendliche ein, die kurz vorher offensichtlich in Parfüm gebadet haben und jetzt zu allem bereit sind. Was für ein Duftgemisch!
Ich halte mich im Hintergrund und bin froh, endlich in meinen vier Wänden verschwinden zu dürfen. Am nächsten Morgen: Alle sind verschwunden, der Spuk ist vorbei! Eine strahlende Dezembersonne bescheint eine friedliche Stadt. Na so was.